Buchen

Junge Philharmonie Neckartal-Odenwald Orchester beweist großes Können mit vielfältigem Konzertprogramm / Zum sechsten Mal seit der Gründung 2011 gespielt

Thomas Kalb und André Tsirlin beeindrucken

Archivartikel

Buchen.Als die mächtigen Schlussakkorde des Vorspiels zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Stadhalle von Buchen das Konzert der Jungen Philharmonie Neckartal-Odenwald abrundeten, da war den zahlreichen Zuhörern spätestens klar, mit welchem Elan das junge Orchester imstande war, selbst die berühmtesten Werke für Sinfonieorchester mit einer für sein Alter erstaunlichen Reife und Feinsinn aufzuführen. Mit dem zehnminütigen Werk von Richard Wagner war die Bühne der Stadthalle restlos mit talentierten Musikern gefüllt, deren eigene Freude über das Konzert im Gespräch mit den Eltern auf dem Nachthausweg begeistert im Nachsingen offensichtlich wurde.

Doch vor der Kür kommt die Pflicht, und an diesem Abend sollte der Jungen Philharmonie mit ihrem Dirigenten Thomas Kalb, dem früheren Heidelberger Generalmusikdirektor, beides gelingen: die „Kür“: ein ansprechendes Program aus seltenen und bekannten Werken zu kombinieren, und dabei den Bogen von einer vollständigen Sinfonie von Boccherini über den Impressionisten Debussy bis zur Hochromantik sowie Werke des 20. und 21. Jahrhunderts zu spannen. Die „Pflicht“, diese Werke gekonnt vorzuführen, gelang stimmungsvoll mit der Symphonie in d-Moll von Luigi Boccherini.

Gleich von Anfang an konnte Thomas Kalb ein feines Unisonospiel, beherzte Sforzandi und ausbalanciertes Ensemblespiel herausarbeiten. In den Streichern kamen tänzerische Läufe, bei den tieferen Streichern ein innig-gedämpfter und dennoch sonoriger Klang zur Geltung. Nach dem Mittelsatz, als die Hörner erneut dazukamen, geriet – „nomen es omen“ – das Werk mit dem Beinamen „Haus des Teufels“ durch Tremolospiel und abwärtsstürzende Läufe noch dramatischer. Mit einem Orchesterklang und Stil, der Haydn und Mozart vorausahnte, wurde das Werk – nuancenreich und energisch von Thomas Kalb dirigiert – mit klein besetztem Orchester erfolgreich ausgeführt.

Mit einer kompletten Sinfonie der Vorklassik über 20 Minuten, erlebten die Zuschauer auf Anhieb, wieviel Talent in den Musikschulen der Region steckt: Dies lässt auf die Zukunft hoffen. Wie viele der jungen Musiker werden später Platz in einem großen Sinfonieorchester finden? Auch wenn diese Antwort noch nicht zu beantworten ist, ist eins jetzt schon sicher: die musikalische Bildung durch das Orchester, die Musikschulen und Lehrer an den Schulen ebnet den Weg dahin beziehungsweise eröffnet den jungen Menschen eine rege Tätigkeit in den klassischen Ensembles in der Region. Dass dies nur durch die Träger, die Kommunen und die großzügige Unterstützung der Sparkasse Neckartal-Odenwald möglich ist, unterstrich Bürgermeister Roland Burger in einer kurzen Ansprache.

Als nach der Pause das Saxophon-Solowerk „Nigunim Nigudim“ („Gegensätzliche Gebete“) Oleg Bogods von André Tsirlin emotional und tiefgründig erklang, konnte das Orchester mit sehnsüchtig-religiöser Tongebung überzeugen und umgarnte den wunderbaren, anfangs aus dem „Off“ spielenden, russisch-israelischen Saxophonisten André Tsirlin mit traditionell und modernen Klängen des Mittleren Ostens. Im Anschluss daran erklang die sechsteilige Bearbeitung der programmatischen Suite „Children’s Corner“ (zu Deutsch „Kinderecke“) von Debussy. Pentatonikklänge schufen fernöstlichen Charakter beim „Abendständchen für die Puppe“, „Der kleine Hirte“ hielt Zitate bereit aus dem „Nachmittag eines Faunes“ für die sensibel spielende Oboistin. Mit dem munteren Ragtime-Thema von „Golliwogg’s Cake-walk“ war man dann in der Klangwelt der US-amerikanischen Vaudeville des 20. Jahrhunderts angekommen. Bei den „3 Songs für kleines Orchester und Alt-Saxophon“ wurden als „Zugabe“ für den großartig aufspielenden André Tsirlin Auszüge aus „Porgy und Bess“ von George Gershwin, mit besonderen Partien für Oboe, Klarinette und Klavier, gefühlvoll vorgetragen. So kamen auch Anhänger der „populären Musik“ auf ihre Kosten.

Somit war der Weg frei für den harmonisch tollkühnen und bahnbrechenden Richard Wagner und sein Vorspiel zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit mehrfach besetzen Kontrabässen, Blechbläsern, Harfe und vollem Orchester. Wieder hielt der mehrfach preisgekrönte Initiator des Festivals „Heidelberger Frühling“, Thomas Kalb, alle musikalischen Fäden in der Hand. Vom feierlich-getragenen und ausgedehnten Eröffnungsthema bis zu signalartigen Blechbläsereinsätzen bei einem der bekanntesten Werke Wagners meisterten die jungen Musiker alle Schwierigkeiten. Die ganze Bandbreite stilistischer Mittel von dem in besten Jahren stehenden Wagner sind im Vorspiel vorhanden. Gleich drei Meistersinger-Themen werden im Vorspiel kontrapunktisch verwoben. Ob saubere Staccato-Fughetten oder Tutti-Höhepunkte, das Vorspiel geriet zum klingenden Höhepunkt des Abends.