Buchen

Tierärzte haben vermehrt mit übergewichtigen Tieren zu kämpfen Futterindustrie verzeichnete seit Jahren steigenden Umsätze / Gesundheitliche Folgen wie Diabetes

Viele Vierbeiner haben zu viel auf den Rippen

Archivartikel

Ein Leckerli hier, ein Leckerli da: Manche Frauchen und Herrchen meinen es zu gut mit ihren Hunden und Katzen. Tierärzte beobachten eine Zunahme an übergewichtigen Vierbeinern.

Buchen. Fettiges und ungesundes Essen mit Zucker, Farb- und Konservierungsstoffen, mangelnde Bewegung, ein stetig wachsendes Angebot in der Ernährungsindustrie und immer diese „Süßigkeiten“: Es gibt viele Gründe für ein Übergewicht. Die Rede ist aber nicht vom Menschen als Betroffenen, sondern von Hunden und Katzen. Der Grund: Ihre Frauchen und Herrchen meinen es zu gut mit ihnen.

Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte schätzt: Circa die Hälfte aller Haustiere hat zu viel auf den Rippen. Auch das Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik an der Universität Leipzig kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Etwa 40 Prozent der Hunde und Katzen in den Industrieländern in Mitteleuropa sind fettleibig. Einschätzungen, die auch die Buchener Tierärztin Nicole Scheuermann bestätigen kann.

„Mir werden in der Praxis häufig übergewichtige Tiere vorgestellt, die sich zum Beispiel nicht mehr ausreichend ihrer Fellpflege widmen können“, erklärt sie. Als Folge treten Probleme bei den Gelenken und beim Herz-Kreislauf-Apparat auf, doch auch die eigentlich beim Menschen bekannte Volkskrankheit Diabetes kann den Vierbeinern zu schaffen machen.

Eine Faustregel als Tipp

Scheuermann meint, dass es vielen Tierbesitzern gar nicht auffalle, dass ihr Tier zu viele Kilo auf die Waage bringt. „Wenn man sein Tier jeden Tag sieht, fällt einem die Gewichtszunahme kaum auf“, meint die Tierärztin und empfiehlt ein regelmäßiges Wiegen. Ihre Faustregel: Bei einem Tier mit Idealgewicht sollten die Rippen gut zu spüren sein. „Wenn ich mich erstmal durch eine Fettschicht kämpfen muss, um an die Rippen zu kommen, besteht Handlungsbedarf.“

Ein Eingreifen war auch bei einem Hund nötig, der von einer Tierschutzorganisation in China gerettet wurde, berichtet Scheuermann einen ihr bekannten Fall. Der Hund wurde zur Fleischproduktion gemästet und kam deshalb extrem übergewichtig bei der Besitzerin in Deutschland an. Nach einigen verloren Kilos hing dem Hund die zu groß gewordene Haut „quasi bis auf den Boden“. „Ein schnelles Fortbewegen war für den Hund kaum möglich und der Leidensdruck war zu groß. Nach mehreren Operationen, in denen die überschüssige Haut entfernt wurde, war das Tier wie ausgewechselt und freute sich darüber, sich unbeschwert fortbewegen zu können“, sagt die Tierärztin. Extreme Beispiele erlebte auch schon Dr. Hinnerk Werner, der seit 2010 in Buchen eine Tierarztpraxis hat und schon einige übergewichtige Vierbeiner zu Gesicht bekommt. „Manche Tiere waren schon so dick, dass sie beinahe nicht mehr lebensfähig waren“, erzählt er. Gegenüber den Tierhaltern werde er dann auch recht deutlich und teile ihnen die bedrohliche Situation direkt mit. „Schlechtes Essen und wenig Bewegung“ nennt der Tierarzt als Hauptgründe.

Erneut ein Umsatzplus

Ein weiterer Grund: die wachsende Anzahl von Tiernahrungsmitteln und eine immer größer werdende Industriebranche. So verzeichnete der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) für 2017 ein erneutes Wachstumsplus beim Umsatz im deutschen Heimtiermarkt. Mit Fertignahrung für Heimtiere erzielten Fach- und Lebensmitteleinzelhändler einen Umsatz von 3,17 Millionen Euro, im Jahr 2005 lag der Wert noch bei 2,29 Millionen Euro. Für Trocken- und Feuchtfutter sowie Snacks gaben Hundebesitzer im vergangenen Jahr insgesamt 1,38 Millionen Euro aus, bei den Katzen lag der Umsatz bei 1,58 Millionen Euro.

Die Buchener Tierärztin Scheuermann gibt an, in ihrer Praxis zwei Sorten von Tierhaltern zu beobachten. „Die eine Seite lässt sich sehr vom Überangebot der Industrie beeinflussen. Überall können Tierfutter und Leckerli erworben werden. Jeder verspricht, das Beste für das Tier herzustellen“, sagt sie. In dieser Hinsicht seien manche Frauchen und Herrchen zu menschlich, da sie ihrem Liebling Abwechslung auf den Tisch bieten wollen.

Nicht geeignet für Tiere

Die andere Seite dagegen lasse sich von ihrem Tier beeinflussen, erklärt die Tierärztin. „Ein bettelnder Blick hier, ein trauriges Miauen dort: Es geschieht schnell, dass man seinem Tier etwas Essen vom Tisch gibt. Doch das Essen vom Tisch ist meist nicht nur zu stark gewürzt, es ist auch zu reichhaltig und nicht ausgewogen genug für eine gesunde Tiernahrung.“

Zum Abnehmen empfiehlt sie einen gesunden Mix aus ausreichend Bewegung und der richtigen Nahrungsaufnahme. „Es ist nicht anders wie beim Menschen.“ Bei Hunden biete sich als Leckerli oder zum Strecken des Futters Karotten, Magerquark oder körniger Frischkäse an und bei Hauskatzen könne es ein Anreiz sein, das Futter zu verstecken. „Die Katze muss sich ihr Futter erarbeiten und ist dabei gleichzeitig beschäftigt. In der Natur ist die Katze gewohnt, sich ihre Nahrung durch Jagen zu verdienen“, so Scheuermann.

Für Dr. Werner ist dagegen vor allem die Familie des Tieres in der Pflicht, wenn eine Diät umgesetzt werden soll. „Wir hören oft Ausreden, wenn es um das Thema geht. Einsicht ist jedoch am wichtigsten, daher muss jeder, der mit dem Tier zu tun hat, sich der Situation bewusst sein und Schonkost konsequent durchsetzen.“