Buchen

In der ehemaligen Synagoge Buchen Mahnung und Erinnerung bei der Gedenkveranstaltung mit Professor Eveline Goodman-Thau

„Wir befinden uns an einer Zeitwende“

Buchen.80 Jahre liegt die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 zurück. Als Mahnung und Erinnerung sowie Hinweis auf Dinge, die sich nie wiederholen dürfen verstand sich am Donnerstag die von der Stadt Buchen, der Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst, der Stiftung „Bücherei des Judentums“ und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Berlin) ausgerichtete Gedenkveranstaltung in der ehemaligen Synagoge mit Professor Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau aus Jerusalem.

„Schicksalstag der Deutschen“

Bürgermeister Roland Burger ging in seiner feinfühligen Einführung auf den in der Geschichte gleich mehrfach als „Schicksalstag der Deutschen“ verzeichneten 9. November ein und gedachte sämtlicher nach Gurs Deportierten aus Buchen sowie den Stadtteilen. Besonders hob er Susanna Stern aus Eberstadt sowie Heimatdichter Jakob Mayer hervor, der 1939 aus Verzweiflung den Freitod wählte. Ebenso erinnerte er an die Opfer der Euthanasie, in deren Lauf zwischen 1939 und 1945 rund 200 000 behinderte oder psychisch erkrankte, als „lebensunwertes Leben“ eingestufte Menschen ermordet wurden. Aus Buchen und Umgebung kamen auf diese Weise in der Krankenpflegeanstalt des Landkreises Buchen in Krautheim sowie in Tötungsstationen wie Hadamar oder Grafeneck 23 Menschen um ihr Leben. Nachdem er die Recherchearbeiten von Ingrid Landwehr, Dr. Dietmar Schulze (Leipzig) und Dr. Hans-Werner Scheuing (Neckargemünd) lobend erwähnte, gab Burger die Umbenennung der Gedenkstätte im „Gedenkstätte für alle Opfer des Nationalsozialismus“ bekannt: So wurden die Namen der im Zuge der Euthanasie Getöteten aus der Region dem Gedenkbuch hinzugefügt; eine Informationstafel schildert die Hintergründe der Euthanasie-Morde.

Nach der Gedenkminute übernahm Professor Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau (Präsidentin der Hermann-Cohen-Akademie und Rabbinerin), die seit 1998 jährlich nach Buchen kommt, die Leitung der Gedenkstunde. Sie sprach von einer „Stunde der Gnade“ und zitierte aus ihrem Buch „Vom Archiv zur Arche“. Dabei verstehe sich die Arche als Aufenthaltsort von Lebendigem und Verstorbenem; Lebenserfahrungen schlagen dabei die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. „Wir befinden uns an einer Zeitwende, in der wir uns einerseits auf Vergangenes besinnen und andererseits an Kommendes denken“, hielt sie in ihrer tiefsinnigen Ansprache fest. Es gehe dabei weniger um die „Rettung der deutschen Nation“, sondern viel mehr um die Weitergabe von Vermächtnissen aller Art von Generation zu Generation.

Dank für Erweiterung

Hier berief sich Goodman-Thau auf das Echo, das auf einen selbst zurück hallt: „Unbewältigte Vergangenheit zeugt, dass die Geschichte kein Echo hat“, merkte sie an und hielt fest, dass das Erinnern und das Vergessen „in einer Umarmung der Geschichte miteinander verschlungen sind“. In diesem Kontext dankte sie für die Erweiterung der Gedenkstätte zum Gedenken an die Opfer der Euthanasiemorde.

Mit zwei in deutscher und hebräischer Sprache gesprochenen Gebeten beschloss sie die zu Herzen gehende Gedenkveranstaltung. ad