Creglingen

Land und Leute Michaela und Thorben Schmitt sind Weltenbummler und starten in Creglingen-Reutsachsen / Im Frühjahr steht die nächste Fernreise auf der Seidenstraße an

Auf solche Abenteuer lassen sich nur wenige ein

Was sind sie – Weltenbummler, Entdecker, Touristen, Hippies oder Zivilisationsflüchtlinge? „Von allem etwas“, sagen Michaela und Thorben Schmitt im Gespräch.

Creglingen/Reutsachsen. Jüngst berichteten Michaela und Thorben Schmitt – er ein aus Würzburg stammender freiberuflicher Programmierer Jahrgang 1984, sie, Jahrgang 1978 und gelernte Steuerfachangestellte aus Nürnberg – im Creglinger Romschlössle über ihre zweijährige Reise von Alaska nach Feuerland. In ihrem reich bebilderten Buch „Ausreisser – Abenteuer Panamericana“ hat Michaela Schmitt die Reiseerinnerungen Lesern erschlossen. Wir wollen das Paar näher kennenlernen.

Was sind sie – Weltenbummler, Entdecker, Touristen, Hippies oder Zivilisationsflüchtlinge? „Von allem etwas“, sagen sie beim Gespräch im alten Reutsachsener Bauernhaus. Thorben Schmitts Großeltern lebten einst hier. Dass die Wohnung leer stand, quasi auf sie wartete, erlebten sie regelrecht als Rettung.

Zu groß gewesen war der Kulturschock, als sie sich nach der großen Freiheit auf vier Rädern in städtisch-schmuckem Vorstadtambiente wiederfanden, wo tagsüber kein Mensch zu sehen war, die Mülleimer militärisch exakt am Bordstein standen, die Kinder nicht einmal auf dem Spielplatz Spielgefährten fanden und wo die auf dem Gehweg mit ihren Kindern spielende Mutter Störfaktor war. In Reutsachsen dagegen sei es für die beiden Kleinen fast wie beim „Frosch“: Tür auf und raus – herrlich!

Das Haus am Ortsrand ist in dichten Efeupelz gehüllt. Drumherum: Natur – fast pur. Platz gibt es hier nicht nur für Michaela und Thorben Schmitt und ihre beiden Kinder Romy und Levi, sondern auch für den „Frosch“, den mittlerweile 38 Lenze zählenden, zum Wohnmobil umgebauten 911er Mercedes.

Der Oldie hat dem Paar samt Kinderfracht zwei Jahre lang und 100 000 Kilometer weit als Heim auf Rädern gedient. Derzeit läuft schon der Umbau für den nächsten großen Trip: Bereits im Frühjahr wollen die vier Schmitts – während der Panamericana-Tour hatte Söhnchen Levi in Mexiko das Licht der Welt erblickt – die Seidenstraße erkunden. Dann werden die acht Quadratmeter im „Frosch“-Koffer – eine Gefängnis-Einzelzelle in unseren Gefilden ist größer – wieder Schlaf-, Wohn- und Kinderzimmer sein. Dass sie auch mit Kindern lange Reisen machen könnten, hatten die Schmitts in Indien entdeckt: Da traf das Paar, das im kleinen, oft reparaturbedürftigen Camping-Bus die der Kinderplanung wegen vermeintlich letzte großen Reise genoss, am Strand von Goa eine Globetrotterfamilie, die unterwegs Zuwachs bekommen hatte. Die Hannoveraner planten, nach Ende ihrer Tour ihren verlässlichen Lkw – genau: den Frosch – gegen etwas mehr Komfort einzutauschen.

Per Handschlag besiegelten die Schmitts im Januar 2011 bei Meeresrauschen den Kauf mit dem Versprechen, den damals 31-jährigen 911er „artgerecht“ zu halten. Ein halbes Jahr später konnten sie ihr Traummobil mit Platz für den geplanten Zuwachs in Hannover abholen und gleich zur ausgiebigen Testreise entlang der polnischen Ostseeküste aufbrechen.

Die Panamericana lockte Michaela Schmitt – sie ist die Reiseplanerin der Familie – spätestens seit einem gemeinsamen Urlaub, bei dem sie unter anderem in Las Vegas Station machten. Als er vorschlug, eine Nase voll Casinoluft zu schnuppern, schlug sie vor, dann doch auch etwas anderes anzugehen, das für die Wüstenmetropole typisch ist: Mal eben im Drive-Inn zu heiraten. Mit Ringen für fünf Dollar und einer Urkunde, deren Wirkung beide eigentlich nur für einen Ulk hielten, reisten sie weiter – und staunten nicht schlecht, als ihnen beim späteren Antrag auf offizielle Eheschließung in Good old Germany mitgeteilt wurde, dass sie doch schon verheiratet seien. Oups! Auch gut: Feiern kann man ja auch ohne deutschen Standesamtstermin. . .

Zur Panamericana-Tour brachen sie nach fünfjähriger gründlicher Vorbereitung und zielbewusster Sparsamkeit gemeinsam mit Töchterchen Romy und 120 Kilo Gepäck nach Frosch-Einschiffung im Juni 2015 auf. Auf die Frosch-Befreiung aus dem umzäunten Zollgelände folgte ein Schnellstart gen Norden, um noch vorm bitter kalten Alaska-Winter das Eismeer zu erreichen. Ihr dortiges Bad weit nördlich des Polarkreises – Ehemann und Tochter sind derweil alaskatauglich dick eingemummelt – macht Michaela Schmitt zum stolzen Mitglied des Polar-Bear-Clubs. In Feuerland, recht nah am Südpol, ergänzte die da bereits zweifache Mutter – Söhnchen Levi erblickte unterwegs in Mexico das Licht der Welt – diesen Eiswassertest noch um die Mitgliedschaft im Pinguin-Club. Zwei Jahre unterwegs – mit Sack und Pack, erst einem, dann dem zweiten Kind: Auf so ein Abenteuer lassen sich nur wenige ein. Mit Kind, gar Kindern? Unmöglich, viel zu gefährlich, bei hohem Infektionsrisiko und teilweise mehrere hundert Kilometern entfernten Krankenhäusern, wurde ihnen immer wieder entgegengehalten. Michi Schmitt sieht das ganz anders: „Während der Panamericana-Reise war keiner von uns krank – mal abgesehen von der einen Erkältung, die uns in einer klimatisierten Unterkunft erwischte. Kindergärten sind eine riskantere Ansteckungsquelle“, erzählt die Mutter.

Den beiden Kids hat die Nord-Süd-Verfrachtung im acht Quadratmeter engem Mobil-Zuhause offensichtlich nicht geschadet: Hellwach und unternehmungslustig erkunden sie derzeit die Welt rund um das gut zehn Mal so große immobile Familiendomizil.

Privatsphäre in dieser Enge? Fehlanzeige. Dass es da auch mal knistern kann, wenn er den Lkw durch Städte steuert, in denen Verkehrszeichen allenfalls als Empfehlung gelten, während sie versucht, möglichst alles mit der Kamera einzufangen, ist logisch. Macht nix: Die beiden finden immer schnell zur Harmonie zurück. Humor, Gelassenheit und das geteilte Reisehobby helfen.

Was zieht sie an der Ferne so magisch an? „Das Neue, das hinter jeder Ecke lockt“, sagt Thorben Schmitt, der Naturschönheiten, Wege und weltbekannte Sehenswürdigkeiten einfach mit eigenen Augen sehen will und gern jenseits ausgetretener Pfade die Welt entdeckt. Allein mit der Familie auf einem Salzsee, im Dschungel und an Stränden zu übernachten, wo weit und breit kein Mensch ist, kein Handy mit der Außenwelt verbindet, die ohnehin am Rand des Feuerscheins versinkt, genießen sie.

„Die Menschen, die Vielfalt“, ergänzt seine Frau. Begeistert berichtet sie von der schier unglaublichen Hilfsbereitschaft und Neidfreiheit der Menschen, denen sie begegnen. Erst in Deutschland wieder wurden sie gefragt, wie sie sich solche Reisen leisten können. Ganz anders in der Ferne: „Toll, was ihr da macht“, freuten sich auch die Ärmsten mit ihnen, die sie auch in den ärmsten und angeblich gefährlichsten Ländern herzlichst willkommen hießen. Warnten die vor riskanten Routen und sonstigen Gefahren, nahmen Schmitts den Rat dankbar an. Halte man sich an diese Tipps, sei mancher U-Bahnhof bedrohlicher. Ihre Art, mit rund fünfstündigen Tagesetappen täglich 100 bis 150 Kilometer zurückzulegen, gibt Zeit zur Gewöhnung an arktische oder Regenwald-Verhältnisse, an andere Kulturen und Mentalitäten, Sitten, Lebensweisen. So wachse man in neue Situationen hinein, werde eben nicht aus dem Flieger in ein völlig fremdes Umfeld geworfen.

Dank ihrer mobilen Kleinburg „Frosch“ können sie täglich frei über Bleiben oder Weiterfahren, übers nächste Ziel und die Gestaltung des Tages entscheiden, ohne Konsumzwängen zu unterliegen: „Die Gattung der Reisenden“ – sie haben unterwegs viele kennengelernt, stehen mit etlichen nach wie vor in Verbindung – „kennt keine Standesunterschiede“.

Was haben sie als Lebenswerkzeug mitgenommen? Dass man fast alles reparieren kann – und dass man nicht auf Dauer stecken bleibe. Es komme immer irgendwann jemand, der helfe. Wer ihnen nacheifern will als Globetrotter, sollte auf jeden Fall einen Rat beherzigen: Schnell weg mit allen Vorurteilen! Die würden eh nicht passen, wenn man wie sie auf Reisen sei.

Auch für Nichtreisende haben sie einen Tipp parat: Genießt die im Weltmaßstab gemessen paradiesischen Zustände mit Gesundheitssystem, Infrastruktur und riesigem Warenangebot!

Nirgends seien etwa gute Lebensmittel so leicht erreichbar und so günstig wie hierzulande. Ob sie Touristen, Entdecker oder Weltenbummler sind, kann offen bleiben. Eins sind sie sicher nicht: Fans von Klageliedgesängen auf Höchstniveau.