Creglingen

Jüdisches Museum Creglingen Das Publikum folgte dem Autor Stefan Gurtner fasziniert durch das Leben des Verlegers Werner Guttentag

Kämpfer für Freiheit und Gleichheit

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia widmet dem bolivianischen Verleger Werner Guttentag gerade mal eine Handvoll Zeilen.

Creglingen. Sie nennt seine Geburts- und Sterbedaten (1920 bis 2008), die dazugehörigen Orte (Breslau und Cochabamba), das Auswanderungsjahr (1939) und das der Verlagsgründung (1950). Auch, dass die bolivianische Post Guttentag mit einer Briefmarke ehrte (1998), ist hier zu erfahren.

Stefan Gurtner, Autor, Erzieher, Theaterpädagoge und Gründer der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft ehemaliger Straßenkinder "Tres Soles", selbst Wanderer zwischen den Welten - der gebürtige Schweizer ging als 25-Jähriger nach Bolivien - widmete Werner Guttentag hingegen ein ganzes Buch. Auf 545 Seiten zeichnet er in "Guttentag - Das Leben des jüdischen Verlegers Guttentag zwischen Deutschland und Bolivien", den faszinierenden Lebensweg des gebürtigen Breslauer Juden nach.

Als Buchhändler und Verleger hatte er bolivianischen Autoren und Intellektuellen wohl das zentrale Podium gegeben.

Gemeinsam mit Sprecherin Sabine Jorkowski stellte Gurtner jetzt im Jüdischen Museum Creglingen im Rahmen einer szenischen Lesung die faszinierende Verlegerpersönlichkeit vor.

Hoch interessiertes Publikum

Kaum zu hoffen gewagt hatte Christoph Bittel, Vorsitzender der Stiftung Jüdisches Museum Creglingen, dass der Raum so voll werden würde: bei gut 40 Besuchern mussten die Akteure ihre Requisiten - Fahrrad, Bücherkoffer und Schreibmaschine, sämtlich uralt - recht eng zusammenschieben.

Eng gedrängt folgte ein überaus aufmerksames, hoch interessiertes Publikum den mit Klängen, Szenen und Zitaten angereicherten, weit übers eigentlich Biografische hinausreichenden Ausführungen. Die entführten die Besucher regelrecht ins Leben eines jüdischen Jugendlichen im nationalsozialistisch geprägten Breslau und in das des von der Literatur besessenen Buchhändlers und Verlegers im 18 Jahre durch Diktaturen geprägten Bolivien.

Gurtner ist nicht eigentlich Biograf: Der Schriftsteller widmete seine sehr sorgfältige Recherche seinem zum engen Freund gewordenen ersten Verleger, was mancher Dialog-Nachschöpfung eine übers Historische hinausgehende Glaubwürdigkeit verleiht.

Guttentag erzählte ihm, wie unter Freunden üblich, viel. Über die Kinderjahre in Breslau, das Beziehungsgeflecht in der sozialistisch geprägten "Freien Deutsch-Jüdischen Jugend", der er sich bereits als Zwölfjähriger angeschlossen hatte. Über die Emigration und Verhaftungen von Freunden berichtete er ihm, über seine Liebe zur Literatur, die Flucht via Luxemburg ins zionistisch ausgerichtete holländische Werkdorf "Wieringermeer", über die Ausreise nach Bolivien und die vielen Autoren und Intellektuellen, denen er im Lauf seiner erfüllten 89 Lebensjahre begegnete.

Bemerkenswert dicht

Eigentlich müsse das mal jemand aufschreiben, lockte Guttentag Gurtner immer wieder, bis der - immerhin nicht nur in sein Straßenkinderprojekt "Tres Soles" eingespannt - sich ans Werk machte.

Bemerkenswert dicht zeichnet Gurtner nach, wie Guttentag über sein jugendliches politisches Engagement und sein dort gefundenes Vorbild Ernst Koch die Welt von Musik und in der NS-Diktatur verbotener Literatur entdeckte, wie ihm ein Arbeitskollege sein geheimes Bücherdepot anvertraute, wie die Mutter aus berechtigter Furcht die so teuer gewordenen Bücher im Kachelofen verbrannte. Immerhin einige seiner Heiligtümer, über die der Jugendliche seit 1937 eigene Gedanken notierte, hatte Guttentag doch noch retten können und teilweise sogar bei der Ausreise ins Werkdorf nach Holland schmuggeln können.

Bis nach Bolivien gelangten diese Bücher nicht: Fahrrad und Schreibmaschine mitzunehmen, schien Guttentag dann doch wichtiger als die Bücherkiste. Diesen "Verrat" - so sah er es selbst - machte Guttentag spätestens 1945 mit der Gründung seines Buchladens wett - ein immenses Wagnis in einem Land mit 90 Prozent Analphabeten.

Es gelang: Schnell entdeckten Emigranten und die eher dünne gebildete Schicht den Buchladen, schnell fanden sich oft links orientierte südamerikanische Intellektuelle ein - und 1950 auch Jesús Lara, heute bekannt als wichtigster bolivianischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er war es, der Guttentag zum Verleger machte: er bekniete ihn regelrecht, seinen Roman "Surimi", eine leidenschaftliche Anklage gegen die Diskriminierung der indigenen Bevölkerung, zu veröffentlichen.

Guttentags frühe, durch die erlebte Diskriminierung der Juden geförderte Politisierung und seine Liebe zur Literatur förderten die Entwicklung einer großen Verlegerpersönlichkeit, der den politischen Kampf auf literarischer Ebene ermöglichte.

Nicht ungefährlich

Ungefährlich war das nicht, wie Guttentag Anfang der 70-er Jahre erlebte, als Paramilitärs Druckerei und Buchhandlung stürmten und rund 3000 Exemplare des Lara-Buchs "Guerillero Inti" beschlagnahmten und verbrannten. Guttentag selbst wurde kurzfristig inhaftiert.

Reihenweise fanden sich Intellektuelle bei dem engagierten Buchhändler ein, der insgesamt rund 1200 Bücher verlegte; selbst der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa besuchte Guttentag in seinem Buchladen "Los Amigos del Libro" (Freunde des Buches).

Einen anderen Besucher warf Guttentag hochkantig aus dem Geschäft heraus: Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon", der seine Gestapo-Erfahrungen als Organisator der bolivianischen Todesschwadron in den Dienst bolivianischer Diktatoren stellte.

Die Lesung im Jüdischen Museum Creglingen geriet fast nebenbei zur hoch spannenden Lehrstunde über düstere Phasen der Geschichte Deutschlands und Boliviens - und darüber, dass Kunst und Kultur eben keineswegs Luxus sind, sondern eine nicht zu unterschätzende Größe im Kampf gegen Unterdrückung und für die Freiheit.