Creglingen

Fachtag der Jugendhilfe Creglingen Über Thema „Pädagogische Beziehungen. Über Fragen von Nähe und Distanz, Sexualität und Würde“ diskutiert

Professionelle Nähe statt Profi-Distanz

Beim Fachtag „Pädagogische Beziehungen“ des Main-Tauber-Instituts der Jugendhilfe in Bad Mergentheim stand die Frage nach Nähe oder Distanz in pädagogischen Beziehungen im Fokus.

Creglingen/Bad Mergentheim. Das Thema, so die Jugendhilfe in einer Pressemitteilung, ist vor dem Hintergrund der unzähligen Missbrauchsskandale aktueller denn je.

Pädagogische Beziehungen bergen einerseits ein riesiges heilsames Entwicklungspotenzial für Kinder und Jugendliche, andererseits stellen sie eine Gefahr dar, wenn Pädagogen ihr Beziehungshandeln nicht am Bedarf der Adressaten ausrichten, sondern pädagogische Beziehungen schlimmstenfalls zur Befriedigung eigener Bedürfnisse ausnutzen.

Zu diesem Spannungsfeld referierten Prof. Dr. em. Hans Thiersch, Renate Thiersch, Dr. phil. Jan Volmer, Prof. Dr. Ulrike Schmauch und Dr. Udo Baer. Moderiert wurde der Fachtag durch Werner Fritz, Geschäftsführer der Jugendhilfe.

Die Tagung wurde mit dem Vortrag „Lebensweltorientierung und die Beziehungen zwischen Fachkräften und Adressaten/innen“ vonHans Thiersch und Renate Thiersch eröffnet. Hans Thiersch war von 1970 bis 2002 Lehrstuhlinhaber für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit seiner Frau gab er eine Einführung in das von ihm entwickelte Konzept der Lebensweltorientierung und stelltegrundlegende Strukturmerkmale pädagogischer Beziehungen dar.

Anschließend referierte Jan Volmer, Leiter des Main-Tauber-Instituts der Jugendhilfe, über „Taktvolle Nähe – Vom Finden des angemessenen Abstands“.

Vollmer wandte sich in seinem Vortrag gegen die pauschale und einseitige Forderung nach „professioneller Distanz“ und betonte demgegenüber das Potenzial einer verantwortlichen „professionellen Nähe“: Ansonsten würden Kinder und Jugendliche doppelt „bestraft“, wenn sie erst in ihren Elternhäusern Ablehnung und Gewalt erfahren hätten und dann in den Jugendhilfeeinrichtungen auch noch angemessene Zuwendung entbehren müssten. Mit unmittelbar praxisrelevanten Schaubildern und anhand eindrücklicher Fallbeispiele illustrierte Volmer, wie Nähe und Distanz im Sinne der Kinder und Jugendlichen situativ ausbalanciert werden könne.

Ulrike Schmauch beleuchtete mit dem Thema „Sexualität unter Generalverdacht? – Auf der Suche nach einer guten Balance zwischen Gewaltschutz und Sexualfreundlichkeit“ einen weiteren wichtigen Aspekt pädagogischer Beziehungen. Als Professorin für Soziale Arbeit, Sexualpädagogik und Praxisreflexion kennt sie den wissenschaftlichen Diskurs, begleitet Einrichtungen bei der Entwicklung sexualpädagogischer Konzepte und bietet Supervision für Fachkräfte an.

Die Bandbreite, die sie dabei erlebt, reicht von sexualfreundlichen Konzepten, die auf Selbstbestimmung setzen, bis hin zu einer einseitigen Betonung von köperfernen Schutzkonzepten und einer großen Verunsicherung im Umgang mit der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die bereits Grenzverletzungen erlebt haben, zeige sich aber, dass eine weitere Tabuisierung von Sexualität, die damit verbundene Sprachlosigkeit eher verfestigt, während ein sexualfreundliches Klima in Einrichtungen dazu beitragen kann, das Risiko sexueller Grenzverletzungen zu mindern.

Erleben von Würde

Später konnten die Teilnehmer in einem der fünf Workshops das Thema „Pädagogische Beziehungen“ in verschiedenen Bereichen vertiefen und reflektieren: Mit Udo Baer konnte „der Tanz zwischen Nähe und Distanz“ gewagt werden; Ulrike Schmauch ergänzte ihren Vortrag „Sexualität unter Generalverdacht“; Thabo Held diskutierte „Chancen und Risiken der emotionalen Beteiligung der Pädagogen“; Michael Ebert stellte das heilpädagogische Konzept „Der Erzieher als äußerer Halt“ dar und in dem Workshop von Jan Volmer wurden „Stolpersteine für gelingende pädagogische Beziehungen“ ausfindig gemacht.

Udo Baer hielt am Nachmittag, den mit Spannung erwarteten letzten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Die Würde der pädagogischen Beziehung“.

Das Erleben von Würde hat nach Baer viel mit dem Erfahren von Wertschätzung zu tun. Demgegenüber gäbe es vier „Monster“ der Entwürdigung: Die Gewalt inklusive der sexuellen Gewalt; die Beschämung; die Erniedrigung und das „ins Leere greifen“, die Missachtung. Würde sei keine Floskel von Sonntagsreden, sondern Inhalt und Ergebnis des Prozesses, andere Menschen (und sich selbst) zu würdigen, immer und immer wieder. pm