Creglingen

Jugendhilfe Creglingen Interkulturelle Lesung mit Benjamin Bulgay

Unpünktlichkeit völlig normal

Archivartikel

Creglingen.In Creglingen fand eine Lesung und anschließende Diskussionsrunde mit Benjamin Bulgay statt. Im gut besuchten Gartensaal der Jugendhilfe Creglingen stellte er seine Bücher „Tee oder Mokka“ und „Pils oder Kölsch“ vor.

Der Informatiker und Diplom-Pädagoge Benjamin Bulgay stammt aus der Türkei und wuchs in Deutschland als Kind von Gastarbeitern auf. Seit 1994 führt er in Wiesbaden die multikulturelle Einrichtung „Lern-Planet“, ein Institut für mehrsprachige Erziehungshilfe und Familientherapie. Derzeit bieten sie Hilfe für Familien in 37 Sprachen an.

Zusätzlich zu seiner Beratungstätigkeit beschäftigt er sich im gesamten Bundesgebiet wissenschaftlich und praktisch mit der Integration von Migranten.

Seine Lesung beginnt er mit einem Zitat von J. W. von Goethe „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt Beleidigen“. Eine Aussage, die heute aktueller ist denn je. In dem ersten Buch „Tee oder Mokka“ vermittelt Benjamin Bulgay Hintergrundinformationen über das Verhalten religiöser und traditionell patriarchalisch geprägter Familien, die oftmals aus islamisch geprägten Ländern kommen.

Das Gegenstück „Pils oder Kölsch“ gibt Menschen aus anderen Ländern hilfreiche Tipps über die Kultur, Benimmregeln und Lebensweisen der Deutschen. Bulgay betonte, dass er manchmal teilweise extreme Beispiele in seinen Büchern verwendet, um die Darstellung besser zu veranschaulichen.

Der Autor gliederte die Bücher jeweils in sieben Kapitel mit Verhaltenstipps. So gibt er Einblick in viele Lebensbereiche der jeweiligen Kultur, zum Beispiel Begrüßungsrituale, Gastfreundschaft, Pünktlichkeit, Religion. Bei dem Abend in Creglingen stand hauptsächlich das Buch „Tee oder Mokka“ im Vordergrund. Benjamin Bulgay schrieb seine Bücher, um ein ernstes Thema humorvoll zu durchleuchten. Wichtig bei der Integration sei, dass man miteinander ins Gespräch komme. Allerdings reiche aus seiner Sicht oftmals die Sprache nicht aus, sondern man benötigt auch das Wissen über die Kultur des Gegenübers. Im Gespräch könne man Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten der Kulturen kennenlernen. Bei Unsicherheiten bezüglich der anderen Kultur helfe oft einfach Nachfragen. Bulgay berichtete, dass in arabischen Ländern häufig die Gesten, Blickkontakt und Mimik genauso wichtig seien wie die gesprochene Sprache selbst.

Bei den Ausführungen des Autors erkannte man schnell, dass sich aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmungen der Situation Missverständnisse ergeben können. Beispielsweise können auch Gesten anders gedeutet werden. Entscheidungen treffe in arabischen Familien oftmals nicht die Einzelpersonen, sondern die gesamte Großfamilie. Bei Besuchen in den Familien bekomme jeder Gast Wasser zu trinken und nur besondere Gäste würden je nach Ansehen Tee bzw. Mokka zum Trinken erhalten. Weiterhin führte er aus, dass in Deutschland Pünktlichkeit eine Art der Wertschätzung sei, in anderen Kulturen Unpünktlichkeit völlig normal sei. Einfühlsam, kompetent und humorvoll führte Bulgay durch den Abend und gab Einblick in die arabische Kultur.

An seine Ausführungen schloss sich eine rege Diskussionsrunde an.