Creglingen

Zirkuswelt 1989 begann alles auf der nordfriesischen Insel Pellworm / Heute gibt’s wieder zwei Vorstellungen in Oberrimbach – um 15 und um 19 Uhr

Zirkuspädagoge, Clown und Feuerfakir

Archivartikel

Lui ist Lui ist Lui! Allenfalls noch: „Herr Lui“, zertifizierter Zirkuspädagoge, Clown und Feuerfakir.

Creglingen. Mehr als „A. Böhler“, Geburtsort und wenn’s hoch kommt auch noch das Geburtsjahr gibt er nicht preis: Als „Lui“ geht er auf die 30 zu, A. Böhler aus Erlenbach am Main ist knapp zwei Jahrzehnte älter.

Wer ist Lui? Die Zirkusmacher, die derzeit in Oberrimbach gastieren, haben viele Antworten: Ermutiger, Freund, toller Clown, der Technik-Zauberer, Zirkusmanager und perfekter Pädagoge. Und so weiter. Er selbst sagt dazu nichts. Verheiratet sei er, der Sohn – teilweise Zirkuskind – längst erwachsen.

Der Virus, der die Mutation vom Installateur A. Böhler zu Herrn Lui auslöste, der mit dem Kinder- und Jugendzirkusprojekt „Circus Blamage“ in ganz Deutschland unterwegs ist, schlug 1989 auf der nordfriesischen Insel Pellworm zu. Böhler, damals bereits seit Jahren aktiv im Bereich der kirchlichen Jugendarbeit, gehörte zum Team, das mit Kindern der Diözese Würzburg Jugendfreizeit einmal ganz anders gestalten wollte. Gemeinsam mit einem Berufsartisten erarbeitete die Truppe ein Zirkusprogramm und lud die komplette Inselschule zur Vorstellung ein.

Schon beim Nachtreffen im Herbst klar war: so etwas muss es wieder geben – und ein paar Wochen später folgte eine erste Neuauflage im Landkreis Miltenberg. Erstmals „Manege frei“ im echten Zirkuszelt hieß es bereits 1990; 1993 gründeten Interessierte den Verein „Kinder- und Jugendcirkus Blamage e.V.“, um eine dauerhafte unabhängige Fortführung des Projekts sicherzustellen.

Böhler alias „Lui“ – den Spitznamen hatte er schon als Schüler weg – besuchte eine Clownsschule, sammelte als Fakir eigene – teilweise durchaus schmerzhafte und entsprechend lehrreiche – Erfahrungen mit Nägeln, Feuer und Glassplittern, entwickelte seinen ureigenen Clownscharakter und das „Circus Blamage“-Konzept – und machte 1994 als „Clown Lui“ das Hobby, das sich immer weiter ausgewachsen hatte, zum Beruf.

Ganz einfach war das nicht: Auch ein Clown braucht Ausstattung und Handwerkszeug, ein Zirkus braucht neben dem Zelt auch sichere Ausstattung, Technik, Fahrzeuge, und ein Verein kann zwar so manches, aber längst nicht alles schultern. Erste Anfragen Böhlers bei seiner Hausbank nach einem Existenzgründerkredit sorgten bei den Bankern für Sorgenfalten. Ein Zirkus? Fahrendes Volk? Unmöööglich. Ob er nicht lieber eine echte Firma, als Installateur oder als Schreiner etwa, gründen wolle. Das gehe doch viel einfacher, Maschinen seien Gegenwert, notfalls wieder liquidierbar. . . Aber Selbstständigkeit als Clown?

Lui kämpfte sich durch Papierkram, Anträge, rechnete hin und her, lieferte mal viel zu niedrige, mal aus Bankersicht viel zu hohe Kostendaten. Und überhaupt hatte man damals noch nichts gehört von Erlebnispädagogik, von Zirkuspädagogik ganz zu schweigen.

Rückblickend: lustig. Aktuell drin steckend: Nervenaufreibend. Ein Fakir aber hat doch keine Nerven! Oder? Egal: Lui stand die Herausforderungen durch, baute in Eigenregie und mit eigenen Händen – als Installateur hatte er das Handwerk schließlich perfekt drauf – das komplette Metallgerüst fürs erste Zirkuszelt.

Inzwischen gehören rund 1070 Mitglieder dem Verein „Circus Blamage e.V.“ an, hat Lui rund 450 Projekte, davon rund 160 Blamage-Camps, durchgezogen – unter anderem in München, Köln, Duisburg, Würzburg, Nürnberg und immer wieder in Creglingen. Bei bis zu minus 27 Grad Celsius wurde schon trainiert, in Creglingen trotzte die Mannschaft einem Sturm, der das Kostümzelt davonblies: Lui und Blamage zeigen Durchhaltevermögen. Inzwischen gehören erlebnispädagogische Angebote fest zum Bildungskanon, und auch die Banken haben längst begriffen, dass Lui kein Spinner ist, der irgendwie was Gutes tun will, sondern dass sein Berufsfeld seriös genug ist, um auch schon mal eine größere Anschaffung durch einen Kredit zu ermöglichen.

Für die jungen Teilnehmer der Projekte war schon vom allerersten Mal an klar, dass es a) Spaß macht und auch b) „was bringt“: Selbstbewusstsein nämlich, das Erleben von Wir-Gefühl, das greifbare Wissen, dass man gemeinsam eine Menge hinkriegen kann, auch wenn man jung ist und kein Einser-Schüler, selbst wenn man mit einer Behinderung klarkommen muss.

Schon 1990, bei der allerersten Vorstellung im Zirkuszelt, gehörten Menschen mit Behinderung zum Team. Das Eisinger St. Josefs-Stift wagte es, drei junge Bewohner gemeinsam mit einem Betreuer am Zirkusprojekt teilnehmen zu lassen. Schnell zeigte sich, dass weder Down-Syndrom noch geistiges Handicap im Zirkusprojekt behinderten: Ganz selbstverständlich gehörten Rudi, Martin und Gerhard, die jahrelang an Projekten teilnahmen, einfach dazu.

Lui erklärt: „Die Menschenpyramide funktioniert nur mit allen, und jeder ist gleich wichtig, ob einer als Träger unten steht oder von ganz oben winkt!“ Im „Circus Blamage“ ist das „Wir“ normal, ganz ohne Mitleids-Beigeschmack oder entmündigende Bemutterung. Blamage lebte Inklusion, als das Wort noch Fremdwort war; und längst gehören Menschen mit „Behinderung“ auch zum Stamm der „Teamer“, wie im Blamage-Jargon die ehrenamtlichen Ausbilder und Trainer heißen, die mit Kindern und Jugendlichen in Freizeiten komplette Zirkusprogramme gestalten.

Den ehrenamtlichen Trainer- oder Teamer-Nachwuchs bilden Lui und sein Team in „Circus Blamage“-Freizeiten seit 1996 selbst aus. Rund 160 Teamer sind es, die komplett aus den Reihen der Projektteilnehmer und Vereinsmitglieder stammen und genau wie Lui nach der Pellworm-Freizeit einfach nicht mehr vom Zirkus lassen können. Ob der Doktor der Chemie, die Pädagogin oder der Physiotherapeut: Sie reisen in ihrem Urlaub aus Rostock, Berlin und München an, um als Teamer wie Lui alles daran zu setzen, das Erlebnis Zirkus weiterzugeben. Wie Lui arbeiten sie sich nicht nur in akrobatische und im Kernsinn Zirkus-Techniken ein, sondern auch in das weite Feld pädagogischer Begleitung. Begeistert sind Schulen von den Blamage- und „Mumm“-Projekten: In Creglingen etwa sind Clown Lui und der „Circus Blamage“ seit 2004 beinahe zu Einheimischen geworden: Von den mindestens zwei Ausbildungsfreizeiten, die Blamage im Tauberstädtchen und seinen Dörfern durchzieht, profitieren regelmäßig Kinder und Jugendliche aus Creglingen und Umgebung.