Großrinderfeld

Brauchtum In der Nacht auf Karfreitag erklingt von den Kommunionvätern ein überlieferter Gesang

Ein „Ave Maria“ um Mitternacht

Archivartikel

Ein alter Brauch wird lebendig gehalten: An den Kartagen singen die Väter der Kommunionkinder nachts das „Ave Maria“.

Großrinderfeld. Es ist stockdunkle Nacht, wenn die Männer durch Großrinderfeld ziehen. An den Kreuzungen bleiben sie stehen und singen ein besonderes Lied. Mit dem „Ave Maria“ grüßen sie die Mutter Gottes in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag sowie in der folgenden Nacht mit ihrem Gesang.

„Der Brauch stärkt die Gemeinschaft“, erzählt Christoph Pulzer. Er ist in diesem Jahr zum zweiten Mal als Kommunionvater mit dabei und ist begeistert von der guten Sache. Bei ihrer Runde werden die Väter der Kommunionkinder unterstützt von den Vätern des Jahrgangs vorher und des folgenden Jahrgangs. „Letztes Jahr waren wir an beiden Nächten mindestens 30 Leute“, erinnert er sich.

Überlieferter Text

Wenn sich heute Abend gegen 22 Uhr die Väter im Pfarrsaal treffen, geben ein Großteil ihre Erfahrungen der Vorjahre weiter. Früher habe man sich im Gasthaus „Zum Löwen“ getroffen, so Pulzer. Seit einigen Jahren geht man in den Pfarrsaal. Dann steht das Einstudieren des überlieferten „Ave Marias“ an. „Das hat man schnell gelernt“, sagt Pulzer.

Die Männer machen sich nach dem Segen durch den Pfarrer gegen Mitternacht auf den Weg, der rund drei Stunden dauern kann. Gesungen wird vor den Häusern der Kommunionkinder, an den Straßenkreuzungen und Einmündungen. Aber auch an der Kirche und an manchen Bildstöcken.

Damit stehen die Väter der Kinder, die in wenigen Tagen zur Erstkommunion gehen, in einer langen Tradition. „Dieser Brauch kam auf während der Amtszeit des Dorfpfarrers Michael-Alois Seltzam (1825 bis 83) und er wird seit etwa 1860 bis heute mit verschiedenen Änderungen beibehalten“, erzählt Rudolf Geiger vom Heimat- und Kulturverein. Ursprünglich, so Geiger, trafen sich die Buben des Kommunionjahrgangs schon mehrere Wochen vor Ostern zum Proben. Die fanden sonntags in der Friedhofskapelle statt. Gesungen wurde von den Buben dann am Gründonnerstag und Karfreitag jeweils um Mitternacht, hat Geiger herausgefunden. Die Route führte damals wie heute zu den Häusern der Kommunionkinder. „Obwohl die Erstkommunikanten zu dieser Zeit bereits 13 oder 14 Jahre alt waren, wurden sie durch ältere Burschen beim Singen unterstützt.“

Am Karsamstag zogen die eifrigen Sänger dann durch das Dorf und erbaten Eier von den Bewohnern als Dank für den Gesang. Das kennt auch Oskar Bach noch. „Als Kinder sind wir von den Eltern sogar geweckt worden, um den Gesang zu hören.“ Der 81-jährige Großrinderfelder hat nicht nur das nächtliche Singen als Kommunionkind selbst miterlebt, sondern auch einen anderen Ritus, „das Wachen“. Wie die Jünger vor der Gefangennahme Jesu, hatten auch die Kinder damals die Aufgabe, zu wachen und zu beten. Dazu traf man sich im Haus eines Kommunionkindes. Doch nur nach dem Rosenkranzgebet stand den Jungen nicht der Sinn. „Da wurde auch viel Quatsch gemacht.“ Um 3 Uhr morgens sind die Kinder dann vom Pfarrhaus losgezogen, um das „Ave Maria“ zu singen.

Ob es zum Kriegsende 1945, beim Einmarsch der US-Truppen in Großrinderfeld, auch ein Singen gab, weiß er nicht mehr. Getroffen hätten sich die Kinder auf alle Fälle. Und er erzählt, dass das Eiersammeln in dem Jahr spärlich ausfiel. Mit einem Lächeln erinnert sich Bach an eine Wache 1949 im Haus seines Onkels Gregor Stolzenberger. Der fesselnde Erzähler hatte seine Zuhörer mit Moritaten und Jägergeschichten begeistert.

Väter übernahmen

Dem früheren Dorfpfarrer Sans, der Mitte des 20. Jahrhunderts in Großrinderfeld die Pfarrstelle innehatte, waren die nächtlichen Aktionen der Kinder ein Dorn im Auge. Ab 1952 übernahmen dann die Väter diesen Brauch. Und in jenem Jahr wechselte auch der „Dirigent“ der Truppe, da Eugen Stößer wegzog. „Damit hatte ich die Leitung“, lächelt Oskar Bach.

Über zwei Jahrzehnte hinweg übernahm Bach das Einstudieren des Lieds, das er heute noch problemlos vorsingen kann. „Wir haben sogar zweistimmig gesungen“, schwärmt der begeisterte Musiker, der auch mit über 80 Jahren in der Formation „Rentnerblech“ aktiv ist. Weniger begeistert ist er noch heute von einigen Treffen, die etwas aus dem Ruder gelaufen sind und der religiöse Aspekt ins Hintertreffen geraten ist.

In Großrinderfeld will den Brauch keiner missen. Auch wer nicht damit großgeworden ist, ist begeistert bei der Sache. Christoph Pulzer schätzt die Tradition, die es nur in der Gemeinde gibt. „Ich bin gerne beim nächtlichen Singen mit dabei.“ Und er will auch in den folgenden Jahren seine Stimme zum „Ave Maria“ erklingen lassen.