Großrinderfeld

Rückblick Vor 70 Jahren kehrte Werner Reinhart aus russischer Kriegsgefangenschaft im Kaukasus nach Großrinderfeld zurück

Propaganda und Hunger überstanden

Vor 70 Jahren kehrte Werner Reinhart aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Sieben Jahre war er unterwegs in Europa, zuletzt in Aserbaidschan.

Grossrinderfeld. Als der ehemalige Obergefreite der Deutschen Wehrmacht, Werner Reinhart, in Ulm endgültig aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, zahlte man ihm 20 neue Deutsche Mark (DM) aus, denn er kam Ende Juni 1948 am Tag der Währungsreform in der Trizone (Amerikanische, britische und französische Zone) an.

1941 wurde er eingezogen zur deutschen Wehrmacht. Ende April 1945 war das Reservelazarett Königgrätz Station für ihn. Dort war er gerade von einer schweren Verwundung genesen. Kurz vor dem 8. Mai, der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, forderte die Krankenhausleitung alle gehfähigen Verwundeten auf, sich „irgendwie Richtung Westen zu den Amerikanern durchzuschlagen“.

Werner Reinhart hatte Glück, wurde auf einem LKW mitgenommen und kam bis in den Raum südwestlich von Budweis. „Von der östlichen Seite habe ich die Gipfel des Bayerischen Waldes gesehen“, hat er einmal erzählt. Die deutsch-tschechische Grenze lag nur rund 20 Kilometer entfernt.

Es folgte der Gang in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Tage später wurden die deutschen Soldaten der Roten Armee übergeben, die inzwischen von Osten herangerückt war. Widerstand war zwecklos, die Amerikaner zogen sich nach Deutschland zurück.

Die sowjetischen Soldaten begannen sofort, alle gesunden deutschen Soldaten Richtung Osten abzutransportieren. Im Sommer begann die Verlegung der Kranken und Schwachen Richtung Osten, über Oberösterreich nach Ungarn und Rumänien. Im Herbst wurden die Züge Richtung Sowjetunion zusammengestellt. Viehwaggons, die unterwegs anhielten. Tote wurde an den Bahndamm gelegt, hin und wieder gab es einen Eimer gekochte Kartoffel und zwei Eimer Wasser pro Waggon.

Im Spätherbst kam der um einige Hundert reduzierte Tote Transport in Kirowabad (heute Ganja) in Aserbaidschan im Tal der Kura an. Gefragt waren im sozialistischen Alltag „Spezialisten“ wie Ingenieure, Handwerker und Industriearbeiter. Landwirte hatten „schlechte Karten“ und mussten meist Hilfsarbeiterdienste ausüben.

Werner Reinhart hatte Glück und wurde einem Kriegskollegen aus Köln als Handlanger zugeteilt, der gelernter Maler war. Oft durften sie außerhalb des Lagers Wohnungen von Offizieren und Zivilisten streichen und renovieren, was abwechslungsreich war. In der Lagerküche traf er Fritz, einen Kameraden aus dem benachbarten Oberaltertheim (Landkreis Würzburg). Der konnte bei der Essensausgabe etwas tiefer schöpfen, wenn Werner Reinhart an der Reihe war. Er kam dadurch gesundheitlich nach seiner schweren Verwundung wieder besser auf die Beine und überlebte die nächsten drei Jahre.

Das Klima im Kaukasustal war fast mediterran: warme Sommer, angenehme Winter. Die erste Nachricht aus Aserbaidschan schickte er im Frühjahr 1946 per Postkarte in die Heimat. Zwei weitere Jahre vergingen, die vom Lageralltag, sowjetischer Propaganda und Hunger geprägt waren. Das Essgeschirr, das Werner Reinhart während seiner Gefangenschaft benutze, hat er mit nach Hause gebracht. Es ist zerbeult und ein paar kyrillische Schriftzeichen sind sichtbar.

Im Frühjahr 1948 ging plötzlich die Parole um, dass die „Woina Plennies“ wie deutschen Kriegsgefangenen hießen nach Hause „Damoy“ dürften. Und im Juni 1948 war es dann endlich soweit. Die Verpflegung wurde besser, es gab neue Kleidung und eines Tages ging es vom Lager wirklich zum Bahnhof. Die Viehwaggons wurden mit einer vernünftigen Zahl von Heimkehrern beladen, bei offenen Türen fuhren die Züge langsam westwärts und die Errungenschaften des sowjetischen Systems konnten betrachtet werden. Endstation war in Frankfurt/Oder an der neuen deutsch-polnischen Grenze. Die aus der amerikanischen Zone stammenden Gefangenen mussten nach Hof weiterreisen.

Fritz aus Oberaltertheim (Landkreis Würzburg) und Werner Reinhart saßen die ganze Fahrt nebeneinander. Werner Reinhart fuhr nach Ulm, wo die Badener und Württemberger entlassen wurden. In Ulm erhielt Werner Reinhart sein Entlassungsgeld in der neuen Westmark ausbezahlt.

Zuerst fuhr er nach Mannheim zu seinem Onkel, der besorgte ihm einen badischen Zug über Lauda nach Tauberbischofsheim. In Großrinderfeld, das er in seinem letzten Urlaub August 1943 zum letzten Mal gesehen hatte, war die Freude über die Rückkehr des Sohnes und Bruders groß. rei