Grünsfeld

Tag der Heimatforschung Professor Dr. Hubert Klausmann und Arno Boas sind Verfechter von Dialekten

Appell für mehr Mut zur Mundart

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.„Wo man Blootz, Hutzelbrot und Zuckerdockele isst“ lautete der Titel eines Vortrages über Dialekte und Dialektforschung von Professor Dr. Hubert Klausmann, unter anderem Projektleiter am Ludwig-Uhland-Institut der Universität in Tübingen, beim 29. Tag der Heimatforschung im Rathaussaal der Gemeinde Wittighausen zum Thema „Mundarten“.

Unter Leitung des Referenten und eines Kollegen wurde an der Universität Tübingen ein „Sprechender Sprachatlas“ entwickelt, der insgesamt 103 Karten aus den Bereichen Laut-, Formen- und Wortgeografie sowie Erzählungen im Dialekt der einzelnen Aufnahmeorte enthält. Grundlage waren unter anderem auch in verschiedenen Regionen aufgenommene Interviews.

Um eine Vergleichbarkeit herzustellen, seien in den Gesprächen jeweils rund 1500 ähnliche Worte und kurze Sätze aus 35 Themenbereichen (zum Beispiel Landwirtschaft, Tiere, Geräte, menschliche Gemeinschaft, Haus) abgefragt worden. Kriterien zur Differenzierung der einzelnen Mundarten seien Aussprache, Wortschatz, Satzbau und Grammatik gewesen.

Die Kontakte zu den Interviewpartnern erfolgten wie etwa in Wittighausen über die jeweilige Gemeinde. Pro Kommune wurden vier bis fünf Bürger befragt, wobei man ältere Einheimische aus Landwirtschaft oder Handwerk bevorzugt habe.

Sprachatlas Baden-Württemberg

Der Sprachatlas Baden-Württemberg unterscheide die Dialekte in Süd-, Ost-, Unter-, Rhein- und Schwäbisch-Fränkisch, zudem in Oberrhein-, Hoch-, Bodensee- und Schwäbisch-Alemannisch sowie Süd- Zentral- und Ostschwäbisch, verdeutlichte Klausmann. Als Faktoren, die zu Dialektgrenzen führen könnten, nannte er unter anderem natürliche Grenzen (Flüsse, Berge), kirchliche Verwaltungs- und Konfessionsgrenzen, politische Verwaltungsgrenzen, Kulturgrenzen und Prestige.

„Norddeutsch ist nicht automatisch Hochdeutsch“, räumte er mit dem Mythos des sogenannten „Hannoverismus“ auf. Auch auf der Ebene der Standardsprache gebe es regionale Unterschiede, zeigte der Referent an einigen Exempeln auf wie zum Beispiel „Lauch“, der je nach Region auch als „Porree“ bezeichnet werde.

Sprachliche Unterschiede betreffen insbesondere den Wortschatz und die Lautung, allerdings weniger die Grammatik. Da die Verwendung von mundartlichen Regionalismen in Situationen eingebettet seien, komme es jedoch kaum zu Kommunikationsproblemen.

Benutzer speziell auch süddeutscher Regionalismen dürften nicht diskriminiert werden. In Süddeutschland sei der Dialekt in vielen Situationen „normal“ einsetzbar und nicht nur Mittel von Untergebenen oder für Lacheffekte wie etwa in Komödien. „In den Schulen muss ein Bewusstsein für den sprachlichen Regionalismus in der deutschen Sprache geschaffen werden“, forderte Klausmann.

Über das Spannungsfeld zwischen Dialekt und Kulturschaffen berichtete in einem zweiten Vortrag Arno Boas aus Creglingen-Finsterlohr, Verfasser zahlreicher Theaterstücke in regionaler Mundart und Inhaber eines Verlags für Theaterwerke, unter der Überschrift „Mit dr Muggebatsche oum Miistbrialouch. Mundart und Kultur – geht das?“.

Als eine multikulturelle Gruppe eines Theaterkurses für junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund beim Besuch des Theatervereins „Reinsbronner Bühnenzinnober“ erfahren habe, dass dieser seine Stücke in Mundart aufführe, seien die meisten der Gäste sehr erstaunt darüber gewesen und hätten die Beweggründe dafür kaum verstanden.

„Ich schreibe meine Stücke in Mundart, weil sie mir näher ist als das Hochdeutsche, weil ich in Mundart denke und fühle sowie weil sie Bestandteil meines Wesens ist“, betonte Boas, der sich als Ostfranke bezeichnete, seine persönlichen Motive. Den meisten Spielern seines Reinsbronner Theatervereins komme es entgegen, dass sie auf der Bühne im Dialekt sprechen könnten.

Auch wenn nicht jeder Besucher jedes Wort verstehe, mache dies nichts, denn zum einen wüssten die Gäste mitunter nicht alles zu verstehen, zum zweiten könne gegebenenfalls womöglich der Nachbar übersetzen.

„Es ist schade, dass Mundartgruppen fast nur derbe Stücke spielen, da auf diese Weise Mundart in Verruf kommt“, meinte Boas. Für die Aufführung eines Stückes in Dialekt, in dem das jüdische Pogrom von 1933 in Creglingen Inhalt gewesen sei, habe der „Reinsbronner Bühnenzinnober“ 2013 den Baden-Württembergischen Staatspreis „Lamathea“ in der Rubrik „Mundart“ gewonnen.

Die Zukunft der Mundarten sehe im Allgemeinen nicht rosig aus, prognostizierte er. „Unsere Theatergruppe hat zwar auch ein Jugendensemble, jedoch haben die jungen Menschen keinen Drang nach Mundart, sondern sprechen, wie junge Leute heute eben sprechen, unter anderem mit Abkürzungen im Whats-App-Stil“, bedauerte Boas. Zwar unterliege Sprache immer einem Wandel, allerdings drohe der regionalen Mundart tatsächlich „der Super-Gau“, so dass man sie eigentlich auf die „Rote Liste“ der vom Aussterben bedrohten Sprachen setzen müsse. Womöglich müsste man mit seinen Kindern und Enkeln wieder mehr Mundart sprechen.

„Kein Kind hat dadurch Nachteile, wenn es Dialekt spricht“, zeigte sich Boas überzeugt. Es gebe vielmehr Untersuchungen, die belegten, dass Kinder, die ihren Mutterdialekt beherrschen und gleichzeitig Hochdeutsch sprechen, lernfähiger seien. „Also, mehr Mut zur Mundart“, appellierte er zum Abschluss seines Vortrags. pdw