Grünsfeld

Seltener Besuch Nachfahren der jüdischen Familie Rothschild besuchten Grünsfeld und informierten sich über die Lebensumstände ihrer Vorfahren

Auf den Spuren der Familiengeschichte

Die Nachfahren ehemaliger jüdischer Bürger besuchten die Stadt Grünsfeld, um mehr über den früheren Lebensmittelpunkt ihrer Familie zu erfahren.

Grünsfeld. Seltener Besuch: Nachfahren der jüdischen Familie Rothschild weilten am Wochenende in der Stadt ihrer Groß- und Urgroßeltern. Ronny Rothschild mit Frau Angelica sowie Grete Finkelstein mit ihren Töchtern Debra Finkelstein und Sheri Cronk waren gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, was sie bislang nur aus Erzählungen kannten. Höhepunkt der zweitägigen Spurensuche war ein Empfang im Rathaus mit dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.

Der Anlass für den Besuch war eigentlich ziemlich traurig. Mit der Deportation der noch in Grünsfeld wohnhaften jüdischen Bürger 1940 endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Zu denen, die nach Gurs abtransportiert wurden, gehörte auch Rosa Rothschild, geborene Bierig, die Großmutter von Debra Finkelstein und Ronny Rothschild.

Rosa starb 1941 im südfranzösischen Lager, Ehemann Simon Rothschild war schon 1937 in Würzburg gestorben.

Als „bewegendes Erlebnis“ und „großes Geschenk“ bezeichnete Franz Ködel das Zusammentreffen mit den Nachfahren. Der Gemeinderat und ehemalige Realschullehrer hatte den Besuch organisiert und ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Die Gäste unternahmen unter anderem einen Spaziergang durch Grünsfeld, bei dem sie etlichen Zeugnissen jüdischen Lebens begegneten.

So steht beispielsweise noch immer das Haus, in dem einst Rosa und Simon Rothschild wohnten. Der heutige Besitzer Hans Michel gab Erläuterungen zur wechselvollen Geschichte des Gebäudes. Edgar Weinmann und Herbert Spengler gaben eine Führung in der Mikwe. Letzterer hat das jüdische Ritualbad im Keller seines Privathauses entdeckt und restaurieren lassen.

Am Stadtbrunnen gedachten die Besucher eines der dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte. Bei der „Judentaufe“ am 3. September 1939 trieb eine fanatisierte Menge jüdische Bürger durch die Straßen und warf sie in den Stadtbrunnen. Eine weitere Station des Rundgangs war der vor wenigen Jahren am Eingang des Friedhofs errichtete Gedenkstein zur Erinnerung an die Deportation nach Gurs.

Im Rathaus empfing Bürgermeister Joachim Markert die Besucher. Mit dabei waren auch Mitglieder des Gemeinderatsausschusses für Kultur und Soziales sowie Vertreter des Kulturvereins. Markert stellte in einer kurzen Präsentation Grünsfeld vor und vergaß dabei nicht auf die jahrhundertelange Tradition jüdischen Lebens in den Stadtmauern hinzuweisen.

Die anschließende Besichtigung der „Zeitreise“ durch die Geschichte der Stadt im Leuchtenbergsaal unterstrich Markerts Ausführungen. Albin Wolfstädter stellte die Exponate zur jüdischen Kultur in den Mittelpunkt seiner Erläuterungen.

Weiter ging die Reise zum jüdischen Friedhof in Allersheim. Dort befindet sich das Grab von Simon Rothschild. Ein Konzert der „Gesangsoase“ in der ehemaligen Synagoge in Wenkheim rundete das Besuchsprogramm ab.

„Damit haben wir nicht gerechnet“, meinten Ronny und Angelica Rothschild. Der herzliche Empfang hatte die beiden, die heute in Aachen leben, offensichtlich überrascht. Ronny Rothschild berichtete von einem Besuch in den 1970er Jahren. Nur widerwillig habe sein von Alpträumen heimgesuchter Vater ihn damals nach Grünsfeld begleitet.

Er selber kennt solche Gefühle nicht. „Wir gehören einer anderen Generation an“, versicherte Ronny Rothschild. Seiner Meinung nach brauche man keine Angst zu haben, heutzutage solche Themen anzusprechen. Den Besuch in Grünsfeld wertete er als Beweis dafür, dass ein „Anfang zur Normalität“ möglich sei.

„Es tut gut, dass sich viele Leute mit der jüdischen Geschichte in Grünsfeld beschäftigen“, meinte eine sichtlich bewegte Grete Finkelstein. Dann werde nicht vergessen, dass es einst ein jüdisches Leben hier gab. Als „sehr emotional“ bezeichneten Debra Finkelstein und Sheri Cronk den Besuch. Wie Grete Finkelstein leben die zwei Töchter in den USA und haben bislang Grünsfeld nur von den Erzählungen ihrer Mutter und von Bildern gekannt. „Das alles mit eigenen Augen zu sehen, bedeutet uns sehr viel“, betonten die beiden.

Beeindruckt von solcher Offenheit zeigte sich Franz Ködel. Nach Jahrzehnten des Schweigens hoffte er darauf, dass künftig auch in Grünsfeld über unliebsame Ereignisse in der Vergangenheit geredet werden kann. Mit Nachdruck forderte er ein bewusstes Bekenntnis zur jüdischen Geschichte in den eigenen Stadtmauern. Ein nächster Schritt sollen Hinweistafeln sein, die ein Arbeitskreis für historische Gebäude in Grünsfeld und seinen Ortsteilen entworfen hat. feu