Grünsfeld

Galerie Kirchner Werke von Hardy Langer sind noch bis Sonntag, 13. Mai, in Grünsfeld zu sehen

Gesellschaftskritischer Akzent

Archivartikel

Großformatig, imponierend, fantastisch – noch bis zum 13. Mai sind in der Grünsfelder Galerie Kirchner Werke von Hardy Langer zu sehen.

Grünsfeld. Eine imponierende, faszinierend und zugleich unheimlich beklemmende Welt empfängt den Besucher im ersten Raum der Galerie Kirchner, Abt-Wundert-Straße, wo der Maler Hardy Langer derzeit mit einer größeren Auswahl seiner Arbeiten vertreten ist. Großformatige, ganz realistische Darstellungen von zeitgenössischen Premium-Wohnhäusern, also Villen in vornehm idyllischer, wohlgepflegter, parkähnlicher Umgebung, im asketischen, kubischen Bauhaus-Stil mit riesigen, spiegelnden Fensterflächen – man sieht auf den ersten Blick: Hier wohnen die sehr Gutverdienenden, die Erfolgreichen und Eliten der Gesellschaft, die man früher einmal die „oberen Zehntausend“ (heute wären es sicher mindestens „Hunderttausend“) nannte. Und zugleich sind diese immer – auch am hellen Tag – erleuchteten Gebäude getaucht in ein seltsames, überbelichtetes Kolorit aus zugleich fahlen und grellen, vieldeutig irisierenden und irgendwie künstlich wirkenden Farben und Lichtern, die diesen Ansichten einen Charakter von traumhafter, phantastischer Unwirklichkeit, einer trügerischen Fata Morgana mitten im Grünen verleihen. Menschen sind nirgendwo zu sehen, weder drinnen noch draußen. Und erst nach längerem Betrachten und mit einem leisen Schreck entdeckt man mit einem Mal das wachsame Doggenpaar (oder sind es Dobermänner?), dessen schattenhafte Silhouette vor der unwirklich strahlenden und zugleich verlassen wirkenden Wohn-Refugien so leicht zu übersehen ist, und das natürlich dazu bestimmt ist, unwillkommene Besucher des Grundstücks abzuschrecken.

Zugleich mit der Entdeckung verändert sich mit einem Schlage die Natur der Szenerie: Die großflächig verglaste und scheinbar einladende Transparenz der Häuser entlarvt sich als Lüge: Ihre unsichtbaren Bewohner, die man nicht sieht, weil sie entweder abwesend sind oder sich versteckt halten, wollen gar keine Teilhabe an ihrem Leben – sie fürchten sich wohl davor, sie wollen hier für sich sein.

„Schöner Wohnen“ nennt sich – natürlich mit ironischem Akzent – die Bilderserie des 1957 geborenen Künstlers und gelernten Grafikdesigners, der heute in Plüderhausen bei Schorndorf lebt und arbeitet. Der Titel ist zunächst einmal wörtlich zu nehmen, den diese „Traumhäuser“ bzw. gebauten Albträume sind tatsächlich nach Fotos der gleichnamigen deutschen Zeitschrift nachgeschaffen worden, in einer virtuos gehandhabten Öl-Acryl-Mischtechnik, die eine besonders große Vielfalt an übereinandergelegten Strukturen und Farbwirkungen ermöglicht.

In einem realistischen Ansatz und technisch gleichfalls virtuos beschäftigt sich Hardy Langer in seinen beiden anderen, hier ausgestellten Serien „Paradise lost“ und „Feindbilder“ mit der Ambivalenz und Abgründigkeit der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit: „Paradise lost“ zeigt großformatige ausschnitthafte Darstellungen weiß bezogener, zerwühlter Betten (willkommene Gelegenheit nebenbei, um sein malerisches Können in der Wiedergabe von gebrochenen Weißnuancen und -schattierungen zu demonstrieren), die hier zu fast erotischen Bett-Landschaften werden, wobei auch die jahrhundertelange Tradition dieses „Paradies“-Motivs immer mit hineinspielt.

„Feindbilder“ zeigen wie schon „Schöner Wohnen“ einen gesellschaftskritischen Akzent: Gleichfalls nach Fotovorlagen gemalte „Luftaufnahmen“ aus großer Höhe von sich äußerlich sehr ähnlich sehenden Firmengeländen mit einem exakten Fadenkreuz versehen, die sie quasi als Angriffsziele kenntlich machen.

Wenn man freilich weiß, dass es sich dabei um internationale Großkonzerne handelt, die selbst weltweit mehr ausbeuterisch-zerstörerisch als segensreich tätig sind, wird man als Betrachter in einen moralisch verzwickten Zwiespalt der Empfindungen versetzt, was zweifellos in der Absicht des Künstlers liegt.