Heilbronn

Welcome-Party Über 3000 Besucher trotzten dem schlechten Wetter und begrüßten den Astronauten Alexander Gerst in seiner Heimatstadt Künzelsau

Ganz und gar nicht abgehoben

Archivartikel

Künzelsau.Ein Meer aus Regenschirmen in der Künzelsauer Hauptstraße setzt dem trüben Wetter unzählige Farbtupfer entgegen. „Wir sind gerüstet, wir halten durch!“, scheint die Botschaft der mehr als 3000 Besucher zu sein, die am Samstag zur Welcome-Party für Alexander Gerst gekommen sind. Nicht einmal das gelegentliche Donnergrollen kann sie von ihrer Mission abbringen: ihren „Astro-Alex“ unter gebührendem Jubel auf der Bühne und – viel wichtiger – in seiner Heimatstadt zu begrüßen.

Dabei fing alles bei angenehmen 22 Grad und Sonnenschein an. Zu den Mundart-Hits von Annâweech feiern die Besucher in T-Shirt und mit roten Hüten auf dem Kopf. Doch gegen 16.30 Uhr setzt Regen ein – und es soll nicht bei einem kurzen Schauer bleiben.

„Schalldruck hält Regen fern“

Tapfer schlägt sich Astrophysiker Dr. Kai Noeske vom Science Center Experimenta in Heilbronn: „Wir leben auf einem Ozeanplaneten. Seien Sie froh! Auf der Venus käme kochende Schwefelsäure runter.“ Und auch einen Tipp, sich vor dem unerwünschten Nass zu schützen, hat er parat: „Machen Sie so viel Lärm wie möglich, der Schalldruck hält den Regen fern.“ Als würde sich der Himmel wehren, schüttet es plötzlich wie aus Kübeln, Donner grollt, Blitze zucken am Himmel. Immer wieder flackert der Bildschirm auf der Bühne. Schließlich fällt er ganz aus, gefolgt vom Ton. Noeske schreit aus voller Kehle in die Menge, macht das Beste draus.

Besucher aus Hardheim

Eine Pause, um die Technik wieder in Gang zu kriegen, quittiert das Publikum mit ungeduldigem Raunen und vereinzelten Buh-Rufen. Schließlich warten alle nur auf einen: Alexander Gerst.

So auch Bernhard und Gerrit Berberich aus Hardheim. „Wir haben ihn noch nie live gesehen“, sagt Bernhard Berberich.

Dabei komme Gersts Oma aus Hardheim. Das habe dort das Weltraum-Fieber neu entfacht.

Trotz immer wieder aufbrandender „Alex-Alex“-Gesänge ist es nicht der Ehrengast, der die Bühne betritt, sondern Kristina Sterz, die eine Talkrunde, unter anderem mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, moderiert.

Lob vom Wirtschaftsminister

Und der ist voll des Lobes für den Künzelsauer Astronauten: „Er hat mehr erreicht als wir Politiker je zustande bringen werden. Er hat eine Visitenkarte für dieses Land und für die Menschheit insgesamt abgegeben.“ Und obwohl er über alle unsere Köpfe geflogen sei, sei er nicht abgehoben. Das habe er auch seinen Hohenloher Wurzeln zu verdanken.

Dann endlich, zahlreiche immer lauter werdende „Alex, Alex“-Gesänge später, um 17.40 Uhr, betritt Alexander Gerst die Bühne: „Ich habe gedacht, bei dem Wetter sind vielleicht 200 Leute da“, ruft er und erntet Jubel.

Die Experten der European Space Agency (Esa) hätten eigentlich schönes Wetter bestellt, scherzt Gerst. „Aber es war wohl ein Vorzeichenfehler drin.“

Fragen an „Astro-Alex“

Für drei Fans von Gerst ist dann der große Moment gekommen. Sie haben zuvor je einen Ball gefangen, den Bürgermeister Stefan Neumann in die Menge geworfen hatte. Sie dürfen jetzt auf die Bühne kommen und Astro-Alex eine Frage stellen.

Der kleine Luis aus Kappelrodeck (Ortenaukreis) will wissen: Wenn die Esa ihn fragen würde, ob er zum Mars fliegen wolle, würde er ja sagen? „Klar, ich würde einsteigen“, antwortet Gerst.

„Und du?“, fragt er zurück. „Ich auf jeden Fall“, kommt Luis’ Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Ich auf den Mond, du auf den Mars“, schlägt Gerst vor. Luis strahlt, die Reise nach Künzelsau hat sich gelohnt.

Alexander Gerst beweist in seiner Heimatstadt einmal mehr, was ihn zum Sympathieträger macht.

Locker, bodenständig, authentisch, immer einen kleinen Scherz auf den Lippen, nimmt er das Publikum mit. Ein lautes Donnergrollen quittiert er mit den Worten: „Wir haben da einen Soundeffekt eingebaut, der sollte aber eigentlich erst später kommen, wenn die Rakete startet.“

Vortrag für Fortgeschrittene

Er fesselt mit den Schilderungen von seiner Mission „Horizons“ – ein Vortrag für „Fortgeschrittene“, schließlich seien die Künzelsauer mit den Grundlagen bereits vertraut.

Den strömenden Regen macht er dabei fast vergessen. Einige Bilder lassen so manchen sogar dankbar gen Himmel schauen: so etwa zwei All-Bilder von 2014 und 2018, die Künzelsau zeigen.

Während sich 2014 das Kochertal rund um die Kreisstadt wie eine grüne, saftige Oase präsentiert, erschreckt das Bild von 2018: In den Gelb- und Brauntönen des Hitze-Sommers gleicht die Landschaft einer afrikanischen Steppe.

Seine Präsentation beendet Gerst mit einem eindrucksvollen Foto vom Mond, das er selbst aufgenommen hat.

Sein nächstes Reiseziel? Wer weiß...

Zum Spaten gegriffen

Gerst hatte auch den Schlüssel für die geplante Sternwarte auf Schloss Stetten bei seiner zweiten Weltraum-Mission „Horizons“ im Gepäck. Am Samstag nun griff der Astronaut vor Ort zum Spaten und gab damit das Zeichen: Der Bau kann beginnen. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier war dabei. Die Sternwarte soll 2020 stehen und wird nach Alexander Gerst benannt.

Das Projekt des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten stand allerdings längere Zeit auf der Kippe. Der Grund: die Blinklichter eines benachbarten Windparks.

Die Lichter machten den Betrieb einer Sternwarte unmöglich. Ende November 2018 beschloss der Bundestag, dass Betreiber von Windkraftanlagen verpflichtet werden, sogenannte Transponder-Abschaltanlagen einzubauen. Das heißt: Die Blinklichter gehen nur an, wenn sich ein Flugzeug nähert.

Damit stand der Sternwarte nichts mehr im Wege. Zumal die Stadt Künzelsau den Bau längst genehmigt hatte.

Schlüssel im Weltraum

Den Schlüssel für die Original-Eingangstüre, die bereits vor Ort aufgestellt war, hatte Alexander Gerst natürlich mitgebracht. Von Stetten hatte ihm diesen Glücksbringer kurz vor dem Start zur internationalen Raumstation ISS auf dem Weltraumbahnhof in Baikonur mitgegeben.

Es war übrigens sein Haustürschlüssel, einen anderen habe er nicht dabei gehabt.

Jan Wörner, Generaldirektor der European Space Agency (Esa), war es schließlich, der Gerst den Schlüssel quasi im Vorbeigehen in die Hand drückte, bevor der in die Sojus-Kapsel stieg.

„Ich habe ihn in ein Taschentuch gepackt und mit Klebeband umwickelt“, sagte Gerst beim ersten Spatenstich. „Das lief nicht ganz nach Protokoll.“ Nun übergab er ihn wieder an Christian von Stetten.

Das Feuer entfachen

Gerst zitierte den Philosophen Plutarch, bevor er und die anderen Ehrengäste zum Spaten griffen: „Das menschliche Bewusstsein ist kein Gefäß, das es aufzufüllen gilt, sondern ein Feuer, das entfacht werden will.“ Die Frage sei: „Wie macht man das in der heutigen Welt?“ Gersts Antwort: „Ich glaube, das Beste ist, wenn man einen Schritt zurück geht, sich auf das Echte konzentriert und schaut, wie die Welt aussieht und das alles funktioniert.“ Also sowohl vom Weltraum auf die Erde blicken als auch von der Erde in den Weltraum. „Das haben schon Hunderttausende Generationen vor uns gemacht.“ Deshalb hätten die Menschen Sternwarten gebaut, der Schlüssel zu diesem Wissen.

„Da oben ist richtig was los“

Finanziert werden soll das Bauwerk in Künzelsau als Bürgerprojekt: mit Geldern von Firmen und Privatpersonen. Dahinter steht ein Förderverein. Esa-Direktor Jan Wörner lobte diese „Privatinitiative, damit wir noch mehr verstehen: Da oben ist richtig was los“. Auch Minister Peter Altmaier fand: „Wir brauchen Träume, Ideen und Helden. Wir brauchen aber auch konkrete Dinge, die man anfassen kann.“

Und Sternwarten seien eine Investition in die nächsten „100 bis 200 Jahre“. Denn: „Mir ist bis heute keine Sternwarte bekannt, die wieder abgerissen wurde.“ Tamara Ludwig/Ralf Reichert