Heilbronn

Film und Vortrag im Würth-Kulturhaus Saliya Kahawatte erzählt beeindruckend von seinem Weg über extreme Höhen und Tiefen

Ungewöhnliche, aber wahre Geschichte

Künzelsau.„Mein Blind Date mit dem Leben“: Ein unglaublicher Film, der eine noch ungewöhnlichere Geschichte erzählt. Über 800 000 Kinogänger sahen 2017 den Streifen, in dem die wahre Lebensgeschichte des gebürtigen Sachsen Saliya Kahawatte aufgearbeitet wird.

„Mein Blind Date mit dem Leben“ ist ein super Film, der zu Herzen geht. Keine reine Komödie, sondern auch eine tieftraurige Geschichte, die den Kampf eines Schwerbehinderten durch seinen Alltag zeigt, bei dem man aber auch viel lachen muss.

Unglaublich? Ja, ist er, dieser Film. Und so wahr wie das Amen in der Kirche.

Buchautor und Coach

„Er kann nichts dafür. Er ist halt blind wie ‘n Maulwurf“, urteilte ein Besucher und bringt damit die Eindrücke auf den Punkt.

Am Samstagabend konnten die Gäste im Restaurant „handicap“ des Hotels „Anne-Sophie“ in Künzelsau den 50-jährigen Buchautor, Motivationscoach und Berater hautnah erleben, und der eine oder andere musste zweimal hinsehen, ehe er glauben konnte, dass der sympathische und vor Energie sprühende Saliya Kahawatte seine Umwelt wirklich wie „durch eine doppelte Milchglasscheibe“ wahrnimmt.

Mit 15 Jahren erkrankt

Saliya Kahawatte wurde 1969 als Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen in Freiberg/Sachsen geboren. Nach der Flucht der Familie 1973 aus der DDR wuchs er in der Nähe von Osnabrück auf.

Mit 15 Jahren erkrankte Saliya Kahawatte er an einer irreparablen Netzhautablösung. Innerhalb von Monaten verlor er einen Großteil seines Augenlichts.

Die Ärzte sagen, dass er eines Tages völlig blind sein wird. Er soll die Schule verlassen und in die Blindenwerkstatt, er aber träumt von Abitur, Studium und selbstbestimmtem Leben.

Große Unterstützung bekommt er in dieser Zeit von seiner Schwester, die mit ihm nächtelang lernt, denn er will das Abitur machen.

Der junge Mann hat keine Freunde, kennt keine Disco und er schafft die Reifeprüfung. Mit 20 Jahren bekommt er praktisch zusammen mit dem Abiturzeugnis auch den Ausweis als 100 Prozent Schwerbehinderter.

Dann zerbricht auch noch die Ehe der Eltern, der Vater verlässt die Familie, niemand wollte ihn. Drei Fragen stellen er sich in dieser Situation: Was kannst du? Was macht dir Spaß? Was bringt dich jetzt noch weiter?

Der junge Mann zieht mit einer Freundin zusammen und wird von einem Kumpel auf die Spur gebracht: Kellnern, Bierzapfen, Teller abtragen und Kaffee kochen, „das kann doch auch ein Blinder“.

Behinderung verschwiegen

Es folgen unzählige Bewerbungsschreiben, in denen er seine Behinderung verschweigt und es funktioniert, wenn auch mit Schwierigkeiten.

Voller Eifer stützt er sich ins Berufsleben und ergattert einen Job in einem Münchner Nobelhotel, in dem er „unerkannt“ arbeitet und bis zum Restaurantleiter aufstieg.

Auch dort verschweigt er konsequent seine Behinderung, und auch seine neuen Kollegen ahnen nicht das Geringste. 15 Jahre lang verschweigt er sein Handicap, um in der Welt der Sehenden Karriere machen zu können. Fingerspitzen, Ohren und seine Intuition ersetzen seine Augen.

Härter gearbeitet als die anderen

Er arbeitet härter als die anderen, lernt mit Hilfe eines Sprachcomputers und weniger Eingeweihter Bücher, Stadtpläne oder als Barkeeper Getränkekarten auswendig. Das Zählen von Treppenstufen gehört zu seinen Strategien wie das Dummstellen im Notfall.

Doch als Kahawatte sich in seine neue Freundin Laura verliebt, wird es immer schwieriger, seine Sehbehinderung zu verbergen.

Für seinen Weg zahlt er einen hohen Preis: Selbstverleugnung, innere Einsamkeit, immer wieder Suchtgefährdungen und auch der Wunsch freiwillig aus dem Leben zu scheiden, sind die Folgen. Erst als er lernt, dass man nicht gegen, sondern nur mit seiner Behinderung leben kann, ist er wirklich im Leben angekommen.

Selbstironisch und ermutigend

Selbstironisch und ermutigend erzählt Saliya Kahawatte von seinem Weg durch extreme Höhen und Tiefen, und er hatte am Ende seines beeindruckenden Vortrags auch noch ein paar gute Ratschläge für die gespannt lauschenden Zuhörer: „Es kommt immer auf die richtige Haltung an. Glaube immer an dich selbst und bleibe nicht stehen, auch wenn es mal schwer sein sollte. Das Leben ist wie eine große Wunschtüte mit süßen und sauren und auch mit Knallbonbons. So gesehen betrachte ich mich nicht als behindert, sondern als körperlich herausgefordert“.

Heute arbeitet Kahawatte als Buchautor, Dozent, Coach und Berater und ist geschäftsführender Inhaber der Unternehmensberatung minusvisus.

Der praktizierende Buddhist lebt in Hamburg.