Hohenlohe-Franken

Stadtentwicklung Zukunftskonzept für Kirchberg vorgestellt / 25 Leitprojekte terminiert und durchgerechnet / Gereizte Stimmung

Die Suche nach einem gemeinsamen Strang

Kirchberg soll mit einem Zukunftskonzept fit für das Jahr 2030 gemacht werden. Bei der Vorstellung wurde freilich deutlich: Noch wiegt die Vergangenheit schwer.

Kirchberg. Wo soll Kirchberg an der Jagst in zwölf Jahren stehen? Und wie kann die Stadt dorthin gelangen? Antworten auf diese Fragen sind im Zukunftskonzept 2030 versammelt, das in einem zweijährigen Prozess von Bürgern, Verwaltung und Gemeinderat erarbeitet worden ist – unter Anleitung von Experten des Stuttgarter Büros Reschl. Die Stadträte hatten es kürzlich einstimmig verabschiedet, jetzt wurde es der Öffentlichkeit in der gut besuchten Festhalle präsentiert.

„Kollektive Therapiesitzung“

Was ziemlich alltäglich mit einer Begrüßung durch Bürgermeister Stefan Ohr und einem Vortrag der Projektleiter Richard Reschl, Philipp König und Lena Müller begann, entwickelte sich im Laufe des Abends zu einer Art kollektiven Therapiesitzung, zur Suche nach dem Strang, an dem man gemeinsam ziehen könnte, zur Vergangenheitsbewältigung auf offener Bühne.

Aber zunächst zur Zukunft: Ohr hatte in Bezug auf das Konzept von einem „gut ausgearbeiteten und gelungenen Werk“ gesprochen.

Richard Reschl betonte, die Stadtentwicklungsplanung für Kirchberg sei „schon besonders“ gewesen: Kein anderes Konzept in Deutschland sei derart detailliert ausgearbeitet, keines stelle eine so konkrete Handlungsanleitung dar. Will heißen: Die 25 Leitprojekte seien nicht bloße Ideen, sondern als Maßnahmen terminiert, durchgerechnet und von der Verwaltung personell stemmbar.

Oberstes Ziel, so Reschl, sei der Erhalt von Lebensqualität. Und die Ausgangsbedingungen dafür seien sehr gut – verfüge Kirchberg doch über eine „herausragende städtebauliche Identität“ und profitiere die Stadt doch von ihrer Nähe zur Autobahn. Es gelte, moderat zu wachsen: um 150 Menschen bis 2030. Damit hätte man die Einwohnerzahl des Jahres 2000 wieder erreicht. Dies sowie die Wohnbau- und die Gewerbeentwicklung halten die Planer für die wesentlichen Projekte, um den finanziellen Spielraum für Weiteres zu schaffen: Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur und Soziales, Naherholung und Tourismus, Mobilität sowie Städtebau.

In jedem dieser Handlungsfelder sind Leitprojekte formuliert – etwa: „Die Stadt Kirchberg weist abschnittsweise und bedarfsorientiert neue Wohnbauflächen im Außenbereich aus (Im Stück)“; „Die Stadt Kirchberg stellt ein Gestaltungskonzept auf, welches für alle Orts eingänge gelten soll“; „Die Stadt Kirchberg initiiert eine Ehrenamtsbörse“.

Für jedes dieser Leitprojekte wiederum gibt es verwaltungsinterne Umsetzungspläne. Ein öffentlich tagender Lenkungsausschuss des Gemeinderats soll die Realisierung der Projekte überwachen, einmal im Jahr soll die Bürgerschaft in einer Versammlung informiert werden.

Eben diese Bürgerschaft ist in Kirchberg traditionell kritisch – was sich auch am Mittwoch zeigte. Immer wieder war zu hören, dass man sich mehr Konkretes gewünscht hätte. Eine Bürgerin etwa möchte nicht, dass einfach nur Gewerbeflächen entwickelt werden, sondern sie will mitentscheiden, welche Firmen sich ansiedeln. Ein anderer vermisste das Stichwort „Nachhaltigkeit“ völlig.

Ralf Garmatter, im Jahr 2016 Gegenkandidat von Bürgermeister Stefan Ohr, kritisierte, dass man angesichts des demografischen Wandels und des zu erwartenden Wegzugs von Flüchtlingen von einer wachsenden Bevölkerung ausgehe: „Diesen Optimismus kann ich nicht teilen.“ Reschl hielt dagegen: Die Region Heilbronn-Franken habe die Basis-Ressourcen, um zu wachsen. Es gebe viele Arbeitsplätze in der Region. „Wo bleibt Ihr Selbstbewusstsein?“, echauffierte sich der Planer. „Wenn Sie sich einen Zuwachs um 150 Einwohner in 15 Jahren nicht zutrauen, dann können Sie sich gleich verabschieden von der Bildfläche, dann lassen Sie sich irgendwo eingemeinden.“

Räte in Reih und Glied

Die Stimmung im Saale war durchaus gereizt – und wurde es noch ein bisschen mehr, als Reschl nach einer kurzen Pause die Stadträte in Reih und Glied vorne antreten ließ, was diesen offensichtlich Unbehagen bereitete. Er habe den Eindruck, so Reschl, die Bürger glaubten nicht recht an die Umsetzung, hätten kein wirkliches Vertrauen in die Verantwortlichen. Dass die Vergangenheit mit der Kontroverse um das neue Feuerwehrmagazin und der hochumkämpften Bürgermeisterwahl noch nicht wirklich vergangen ist, wurde in diesen Momenten sehr deutlich.

Thomas Franz appellierte an die Versammelten, ihn nicht auf seine Rolle als Stadtrat zu reduzieren. Er sei kein Außenstehender, sondern Bürger Kirchbergs wie jeder andere. Axel Rudolph, UGL-Stadtrat, blickte zurück auf die Polarisierung der letzten Jahre, sprach von „Verletzungen“ – und verbindet mit dem Zukunftskonzept große Hoffnungen: Dass der Wille sichtbar werde, konstruktiv Projekte zu gestalten, dass eine einende Funktion von ihm ausgehe. Innerhalb des Gemeinderats sei das der Fall gewesen.

Auch die Meldungen aus dem Publikum waren nun weitaus versöhnlicher als zu Beginn. Da wurde der große Wunsch geäußert, zusammen etwas zu erreichen. Ob’s beim Wunsch bleibt, wird die Zukunft zeigen. Bürgermeister Ohr jedenfalls schloss die Veranstaltung so: „Lassen wir das, was in der Vergangenheit war, so stehen, und blicken wir gemeinsam nach vorn.“ sebu