Hohenlohe-Franken

Infrastruktur Wiesenbach braucht Quorum von 120 Mitgliedern für Projekt-Umsetzung / „Wirtschaft vergisst die kleineren Orte“

Dorfladen als Ziel auf steinigem Weg

Archivartikel

Die Voraussetzungen sind geschaffen, jetzt fehlt nur noch das Interesse Wiesenbachs und der Ortsteile an einem Dorfladen: Bis 31. Januar soll es 120 Mitglieder geben.

Wiesenbach. Die Anzeige stimmt nicht. 75 Mitglieder werden an der Litfaßsäule angezeigt. Dabei sind es schon 83. Das ist viel, aber bei weitem nicht genug, sagt Wiesenbachs Ortsvorsteher Manfred Glemser. Der Weg zum Dorfladen im größten Teilort von Blaufelden ist ist steinig, soll er auch sein: Nur wenn die Wiesenbacher diesen neuen Ortsmittelpunkt, der so viel mehr ist als nur Einkaufsmöglichkeit, wirklich wollen, wenn sie bereit sind, dafür einzustehen, hat das Projekt eine Zukunft. Alles andere wäre vergeudete Kraft und Lebenszeit.

Bei einer Gründungsversammlung wurden vier Beiräte gewählt, die die Interessen der Mitglieder vertreten, vor allem wurde einiges angestoßen. Das Dorfladenteam hat einen Plan entwickelt, wie der Laden im Volksbank-Gebäude realisiert werden kann – mit viel Eigenleistung nämlich. Andere mögliche Standorte ließen sich nicht finanzieren oder aus anderen Gründen nicht verwirklichen, aber der Beirat – Achim Stein, Sebastian Glemser, Regine Keitel und Yvonne Völkert – macht deutlich, dass das alte Lagerhaus ein guter Standort ist. Sebastian Glemser erinnert an die Zeit, in der in dieser Lagerhalle, die im Besitz der Genossenschaft und damit der Wiesenbacher war, Getreide, Kohle oder Dünger verkauft wurden. Er sieht eine Chance, „Gemeinschaftseigentum zurückzugewinnen und an eine gute Tradition anzuknüpfen.“

Erinnerung an den Landhandel

Rund 300 Quadratmeter sollen mit Handel und Leben erfüllt werden, ein bisschen wie zur Zeit des Landhandels, bevor sich die Volksbank auf ihr Kerngeschäft konzentrierte. „Für die Wiesenbacher ist das ein eingespielter Ort“, sagt Sebastian Glemser, jetzt bleibe nur zu hoffen, dass er wieder angenommen werde. Und zwar auch von Emmertsbühl, Engelhardshausen, Naicha und Saalbach.

Investoren kaufen die Volksbank

Acht Investoren haben sich bereiterklärt, das Gelände zu kaufen und das Lagerhaus zur Verfügung zu stellen, das war eine wichtige Voraussetzung. Eine andere ist das selbstgesetzte Ziel der 120 Mitglieder bis zum 31. Januar.

„Darunter geht es nicht“, sagt der Ortsvorsteher; das werde benötigt, um die Nachhaltigkeit des Wiesenbacher Interesses „für die Investoren deutlich zu machen“. Dieser Zahl zugrunde liegt die Zahl von rund 500 Wahlberechtigten im Ort: „Ein Viertel sollte ja sagen zum Vorhaben.“ Immerhin sei es nicht das Ziel, einen Laden zu gründen, sondern ihn langfristig am Laufen zu halten. Dazu werde die Unterstützung der Menschen benötigt.

Derzeit fehlen noch 37 Mitglieder; am Engagement der Initiatoren fehlt es hingegen nicht. Von Gabi Heffels Entwurf für die Lagerhausnutzung über Heike Steins Werbeplakate bis zur von Regine und Stefan Keitel im Stil der Straßenkunst-Ikone Banksy gestalteten Litfaßsäule gibt es vielversprechende Ansätze. Das Ziel der 120 Mitglieder basiert auf Wirtschaftlichkeitsberechnungen: Wie viel muss mindestens erwirtschaftet werden, um das Dorfladenprojekt vorstellbar zu machen. Die Initiatoren gehen von 80 Haushalten aus, die sich beteiligen sollten, und davon ausgehend wurde auf 120 Personen hochgerechnet. „Vor allem in den ersten Jahren müssen Nachfrage und Interesse gesichert sein“, sagt Manfred Glemser, „sonst können wir’s gleich bleibenlassen“.

Glemser ärgert sich seit langem darüber, dass „die Wirtschaft kleinere Orte vergisst“, ungeachtet aller Nahversorgungsziele. Er sieht seit über 36 Jahren einen schleichenden Infrastrukturverlust und ist der festen Überzeugung, dass Zukunft gestalten muss, wer an ihr teilhaben will: „Wir müssen das Gesetz des Handelns selbst in die Hand nehmen.“ In diesem Fall muss also eine Ortschaft selbst ein Unternehmen gründen – eine sehr viel höhere Hürde als beispielsweise eine Vereinsgründung.

Das Ziel lohnt Anstrengung, davon sind die Initiatoren überzeugt. Für sie geht es nicht nur darum, im Ort einkaufen zu können, es geht um Lebensqualität. In einer Zeit, in der Menschen vereinsamen und sich im Internet verlieren, sind reale Begegnung und das Wissen umeinander wichtiger denn je. Nicht nur voneinander wissen, sondern geben und nehmen, gegenseitig, und damit auch in Alter und Krankheit eingesponnen sein in ein Gemeinschaftsnetz, das macht für Ortschaften mittlerweile den entscheidenden Unterschied aus, so wie generell die Einkaufsmöglichkeit ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor ist.

Café und Mittagstisch

Der Dorfladen wird alters- und familiengerecht, er wird zum Treffpunkt für alle – von Arbeitern und Angestellten, die in ihrer Mittagspause etwas essen wollen, bis hin zu Familien, die nur eben Sahne kaufen, Bekannte sehen und sich entschließen, bei einem Kaffee Neuigkeiten auszutauschen. Kurze Wege und frische, regionale Produkte sind ebenso Teil des Konzepts wie ein Bringdienst und die Möglichkeit für Mitglieder, rund um die Uhr einzukaufen.