Hohenlohe-Franken

Amtsgericht Crailsheim Strafverfahren gegen 59-jährige Frau eingestellt / Angeblich Postbotin geohrfeigt

Erhebliche Zweifel an Vorwürfen

Crailsheim.Auf den ersten Blick sieht es nach einem heftigen Streit an der Haustür aus: Eine 59 Jahre alte Frau aus Crailsheim soll einer 24 Jahre alten Postbotin aus Wut über verspätete Briefzustellungen eine schallende Ohrfeige versetzt haben.

Bei einem Strafprozess vor dem Amtsgericht in Crailsheim schälte sich aber recht deutlich heraus, dass es doch starke Zweifel daran gibt, ob die Angeklagte gegenüber der Zustellerin tatsächlich handgreiflich geworden ist. Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen war schon vor der angeblichen Maulschelle getrübt: „Es kam immer wieder vor, dass mir wichtige Briefe verspätet zugestellt wurden oder im falschen Briefkasten bei Verwandten landeten“, sagte die 59-Jährige.

Auch im Juli 2017 wartete die Frau auf ein dringendes Schreiben ihres Steuerberaters, das auch nach einer Woche noch nicht aufgetaucht war.

Für das, was sich dann vor der Haustüre abgespielt hat, gibt es zwei Versionen: Die frühere Briefträgerin (ihr Arbeitsvertrag wurde von der Post nicht mehr verlängert) sagte als Zeugin vor der Richterin Uta Herrmann aus, dass sie nach einer Debatte um die von ihr eingeräumten Zustellprobleme urplötzlich eine Ohrfeige verpasst bekam. Die gerötete Wange habe sie zehn Minuten später mit dem Smartphone per Selfie fotografiert und dann auf Drängen ihres Vorgesetzten bei der Polizei eine Anzeige wegen Körperverletzung erstattet – „obwohl mir das gar nicht recht war, die Sache hätte man auch durch ein Gespräch lösen können“, weil die Angeklagte „ja eigentlich eine sehr nette und ruhige Frau ist“.

Die Anzeige hat die damalige Zustellerin dann tatsächlich wieder zurückgezogen – ob dies auf ihrem eigenen Entschluss oder auf einem Rat ihres Vorgesetzten beruhte, blieb bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht allerdings unklar. Eine entsprechende Mitteilung der Polizei scheint aber auf dem Weg zu den Justizbehörden versandet zu sein, weshalb das Strafverfahren eingeleitet wurde. Ohnehin hat die Staatsanwaltschaft in Ellwangen bei diesem Fall offenbar ein öffentliches Interesse bei der Strafverfolgung gesehen.

Die 59-Jährige fiel jedenfalls aus allen Wolken, als sie von dem Vorwurf erfuhr, der nicht nur bei den Post-Kollegen der Zustellerin, sondern auch schon in der Nachbarschaft der Angeklagten die Runde gemacht hatte. „Ich dachte zunächst an einen bösen Scherz“, sagte die unbescholtene Frau, die „im ganzen Leben noch keinen Menschen geschlagen hat und schon gar nicht wegen eines Briefes“.

Die Ex-Zustellerin blieb auch bei ihrer Darstellung, als sie von Richterin Uta Herrmann eindringlich auf die strafrechtlichen Konsequenzen einer falschen Verdächtigung hingewiesen wurde: „Ich lüge Sie nicht an.“ Rechtsanwältin Britta Muck aus Crailsheim hegte den Verdacht, dass die Postbotin seinerzeit zu einer Notlüge gegriffen hat, „weil sie an dem Tag komplett mit ihrer Arbeit überfordert war“, wie die Verteidigerin sagte.

Mit Zustimmung aller Beteiligten traf Richterin Uta Herrmann die wohl beste Entscheidung in diesem Fall: Sie stellte das Verfahren ein. Harald Zigan