Hohenlohe-Franken

Unfall im Sturmtief Nach Baumeinschlag helfen Passagiere dem Lokführer, den Zug wieder flott zu machen / Endstation im Haller Bahnhof

Für Fahrgäste ein absoluter Horrortrip

Archivartikel

Sturm „Fabienne“ lässt bei Schwäbisch Hall einen Baum auf einen Zug stürzen. Die Fahrgäste machen ihn wieder flott. Doch bis Crailsheim schafft er’s nicht.

Schwäbisch Hall. Es hat nicht viel gefehlt, und die Fahrt von Regionalexpress 23561 von Öhringen nach Crailsheim am vergangenen Sonntagabend wäre zur Tragödie geworden. Als Sturmtief „Fabienne“ mit Starkregen und Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern über den Landkreis Hall fegt, setzt sich der Zug um 18.25 Uhr in Bewegung. Maximal 60 km/h darf er aus Sicherheitsgründen noch fahren – die Anweisung hat die Bahn wegen der Sturmwarnung bereits um 15 Uhr an ihre Lokführer ausgegeben.

Was dann auf der Fahrt in Richtung Schwäbisch Hall passiert ist, wissen bis gestern nicht einmal die Bahnsprecher so genau. Detaillierte Auskunft könne nur der Lokführer geben, doch der sei in dieser Woche nicht im Dienst und somit nicht erreichbar, teilt die Pressestelle der Bahn mit. Polizei, Feuerwehr und andere Rettungskräfte aus dem Landkreis Schwäbisch Hall waren über den Unfall offenbar gar nicht informiert worden. Laut Daniela Just ist die Fahrt von Öhringen nach Hall dramatisch verlaufen. Die Hallerin schildert ihre Erlebnisse so: Der mit rund 150 Fahrgästen voll besetzte Zug, bestehend aus einem Triebwagen und einem Waggon, kommt in den ersten Minuten der Fahrt noch recht gut voran.

Kurz hinter Wackershofen führt die Strecke aus offener Landschaft hinein in ein Nadelöhr: Rechts ragt eine steile, mit Bäumen bewachsene Böschung empor, links geht es steil bergab zur Schleifbachklinge. „Genau dort ist von oben der Baum auf den Zug gekracht. Der Stamm ist an der Scheibe beim Lokführer eingeschlagen. Sie ist gesplittert, aber zum Glück nicht durchgebrochen.

Stamm kracht in die Scheibe

Der Mann muss unter Schock stehen, er hätte tot sein können“, erzählt Daniela Just am Telefon. Sie selbst ist auch Tage später noch aufgewühlt: „Es war eine absolute Horrorfahrt!“

Nach dem Aufprall des Baumes habe der Regionalexpress stark geschwankt. Viele Fahrgäste hätten Angst gehabt, dass er entgleist und in die Klinge stürzt.

Dies passierte zwar nicht, doch ein mulmiges Gefühl blieb: Der Zug konnte wegen des nun auf den Gleisen liegenden Baumes nicht mehr weiterfahren. Weitere hinabstürzende Äste und Bäume hätten ihn leicht treffen können.

Der Lokführer sei dann ausgestiegen, um Hilfe bei der Bahn anzufordern – vergeblich. Es könne niemand kommen, weil alle Einsatzkräfte aufgrund anderer Sturmschäden verhindert seien, teilte der Mann den Fahrgästen mit. Doch mit der Aussicht auf stundenlanges Warten im Sturm wollten sich einige offenbar nicht abfinden. „Etwa 20 Männer sind spontan ausgestiegen, um dem Lokführer dabei zu helfen, den Baum unter der Lok hervorzuziehen und die Gleise wieder frei zu machen“, berichtet Daniela Just. Bei heftigen Windböen und Starkregen schafften sie es tatsächlich gemeinsam, den Baum beiseitezuschaffen.

Weiter im Schritttempo

Nach etwa 30 Minuten konnte der Zug weiterfahren, im Schritttempo traf er im Haller Bahnhof ein. „Die Fahrgäste haben kurz vor dem Aussteigen applaudiert“, erzählt Daniela Just. „Ein großes Dankeschön an die vielen mutigen Helfer, die den Baum beiseitegeschafft haben!“ Der Regionalexpress sei dann noch bis Hessental weitergefahren, allerdings nicht mehr, wie ursprünglich vorgesehen, bis Crailsheim, teilt ein Bahnsprecher mit.

Hätte der Triebwagen tatsächlich von den Gleisen kippen können? „Das können wir dementieren. Zu keiner Zeit war die Sicherheit der Fahrgäste gefährdet“, betont der Sprecher.

Bei Unfällen wie diesem greife normalerweise eine Meldekette. Der Lokführer muss sich an die Fahrdienstleitung wenden. Diese wiederum informiert das Notfallmanagement der Bahn. Sind nicht genügend Einsatzkräfte verfügbar, können auch andere Rettungskräfte wie Feuerwehren oder THW um Unterstützung gebeten werden. Was konkret beim Unfall vom Sonntagabend unternommen wurde, sei noch unklar.