Hohenlohe-Franken

Justiz Brutale Gang überfällt Hochzeitsgesellschaft bei Seefest / Haftstrafe ohne Bewährung für einen der Rädelsführer

Getreten, geschlagen und gestochen

Archivartikel

Das Haller Amtsgericht hat einen 24-Jährigen zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. Mit Kumpels hat er am Boden liegende Männer mit Tritten und Schlägen malträtiert.

Schwäbisch Hall. Eine Hochzeitsgesellschaft vergnügt sich rund um den Steg am Starkholzbacher See bei Hall. Daneben steigt eine Geburtstagsparty einer Gruppe von 14- bis 19-Jährigen. Eigentlich ein idyllischer Sommertag am Freitag, 4. August 2017. Doch er endet gegen Mitternacht in einem Gewaltexzess durch eine in der Jugendszene berüchtigte Schlägerbande.

Zunächst gesellen sich die ungeladenen Gäste friedlich zur Jugendgruppe. Die Stimmung schlägt um, als sich die Westheimer an Alkohol und Speisen bedienen. Einzelne belästigen Mädchen mit sexuellen Sprüchen. Die Situation spitzte sich zu, als Jonas R. sich beschwerte und „eine geklatscht“ bekam, wie eine Zeugin aussagt. R. habe im Gesicht geblutet und seinen Bruder angerufen. Der solle vorbeikommen.

Fürs Messerzücken bekannt

Diogo R. kommt in Begleitung. „Ich wollte das klären, also nur reden. Mein Bruder hat mich zum See geführt. Erst da habe ich gesehen, dass es die Westheimer waren.“ Hätte er das vorher gewusst, wäre er mit seinem Bruder direkt heimgefahren. Er wisse von der Brutalität der jungen Männer, die für das schnelle Messerzücken bekannt seien.

Es war aber zu spät. Die Täter zögerten nicht lange und griffen die Brüder R. und den mitgekommenen Kumpel Steffen G. an. Kurz darauf liegen die allesamt wehrlos auf dem Boden und werden mehrere Minuten lang von mehreren Personen mit Schlägen und Tritten gegen den Kopf und den Körper malträtiert. Der ältere der Brüder wird zudem mit einem Messer am Bein verletzt.

Angeklagter kommt nicht

Die erste juristische Aufarbeitung erfolgte im April. Zwei junge Männer wurden zu Jugendstrafen verurteilt. Durch Berufungsanträge sind die Urteile noch nicht rechtskräftig. Gegen einen dritten wurde das Verfahren eingestellt. Gegen zwei andere sollte diese Woche nach Erwachsenenstrafrecht verhandelt werden. Einer, der heute in Krefeld lebt, ließ sich vom Arzt Reiseunfähigkeit attestieren. Das akzeptierte Vorsitzender Richter Wolfgang Amendt nicht und erließ Haftbefehl. Ein separater Prozess muss angesetzt werden.

Der andere Angeklagte erscheint: Jörn B., ein durchtrainierter 24-Jähriger mit kurz geschorenen Haaren. Der gebürtige Westheimer arbeitet in einem Boxclub. B. ist kein Unbescholtener. Er wurde mehrfach verurteilt, auch wegen Geiselnahme.

B. gibt an, dass er das Opfer sei. Als zwischen seinen Westheimer Kumpels und den Brüdern die Fäuste flogen, habe Steffen G. ihm eine Bierflasche über den Kopf gezogen. Ein Foto zeigt Jörn B. mit Schnittwunden im Gesicht. Seine Anwältin Julia Weiß erklärt, ihr Mandant habe den Angreifer zum eigenen Schutz umklammert und zu Boden gebracht. Wenn Schläge gefallen seien, dann begründet in Notwehr. Der Angeklagte sei daher freizusprechen.

Steffen G. beschreibt als Zeuge, wie er an den See kam, die Brüder direkt vermöbelt wurden und die Westheimer zugleich auf ihn zugestürmt seien.

Er habe die drohende Gefahr erkannt und aus Notwehr seine Bierflasche gegen Jörn B. eingesetzt, bevor dieser zuschlagen konnte. Danach sei er durch mehrere Faustschläge niedergestreckt worden. Auf dem Boden liegend habe er mit seinen Armen Gesicht und Nacken geschützt, während er „die Schläge meines Lebens kassiert“ hat. „Ich dachte, wenn ich die Deckung aufmache, bin ich behindert oder tot.“

Staatsanwalt Peter Bracharz wertet den Angriff als gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung, wodurch sich B. für die anderen mitverantworten muss. Bracharz spricht von „blanker Lust an der Gewalt“. Er fordert ein Jahr und sechs Monate Haft.

Das Gericht entscheidet beim Urteil für ein Jahr und zwei Monate Haft ohne Bewährung. Eine durch Bewährung unverbüßte Reststrafe kommt hinzu.

Seit seinem 14. Lebensjahr sei das Leben von Jörn B. von „üblen Missgriffen und Misshandlungen“ geprägt, so Amendt. Der kampferfahrene Angeklagte sei eindeutig derjenige gewesen, der zum Angriff ansetzte.

Rechtsmittel können eingelegt werden. Amendt richtet aber an die Verteidigung, dass nicht geklärt wurde, ob es sich um lebensbedrohliche Handlungen dreht – wovon er allerdings ausgeht. Eine Prüfung in einer Berufung könnte zu einer deutlich höheren Strafe führen. thumi