Hohenlohe-Franken

Von Augsburg nach Seligenstadt Historischer Kaufmannszug machte auch Station in Aub / Einst aus Sicherheitsgründen entstanden

Im Schutz der Stadtmauer gerastet

Kaufleute hatten es früher nicht leicht – oft wurden sie Opfer von Räubern. Um sich vor Angriffen zu schützen, schloss man sich zu Kaufmannszügen zusammen. Diese Tradition wird gepflegt.

Aub/Seligenstadt. Freudige Erwartung herrschte kürzlich in Aub. Busse aus dem Raum Aschaffenburg waren angekommen, zahlreiche Gäste stellten sich mit Fotoapparaten bereit, um ein Spektakel zu fotografieren. Selbst eine Gruppe aus Amerika war vor Ort, um sich das Schauspiel anzusehen: den Einzug des historischen Kaufmannszuges auf dem Weg von Augsburg nach Seligenstadt.

In der Ferne kündigte Trommelschlag das Ereignis an. Erst kaum zu hören, wurden die Trommelschläge immer lauter. Schließlich zog eine ganze Gruppe rotbefrackter Trommler auf die Stadt zu, gefolgt von rund 20 Fuhrwerken und jeder Menge Fußvolk.

Bunt gekleidet in historischen Kostümen – als „Pfeffersäcke“, edle Kaufleute, Pilger, Pferdeknechte, Marketenderinnen, Schutzsoldaten oder Bettler – zog der Zug auf das Auber Stadttor zu. Dort wurde er von ebenso bunt gewandeten Soldaten der Auber Stadtwache angehalten.

Alle vier Jahre

Alle vier Jahre stellt eine Gruppe das Seligenstädter Geleit nach. Die Seligenstädter wollen zeigen, wie sich ab dem 11. Jahrhundert Kaufleute zusammengeschlossen haben, um als Schutz vor bewaffneten Wegelagerern und Räubern unbehelligt von einer Stadt zur anderen, von Markt zu Markt zu ziehen. Beschützt und geleitet von bewaffneten des jeweiligen Landesherren zogen sie mit ihren Fuhrwerken und Waren über die Lande. Heute suchen die Teilnehmer die Entschleunigung, passen sich im Schritt dem Tempo der Pferde an, suchen Geselligkeit und schließen Freundschaften. Zwischen 20 und 35 Kilometer betragen die Tagestouren, die sie zu Fuß, beritten oder mit dem Fuhrwerk jeden Tag zurücklegen. In Aub ist „Halbzeit“, ist die erste Woche der zweiwöchigen Tour um. Hier legte der Zug, der alle vier Jahre stattfindet, einen Ruhetag ein. Vor dem Auber Stadtturm kam der Kaufmannszug schließlich zum Stehen. Die Auber Stadtwache fragte den Zugführer nach dem Begehr. „Wir sind nur friedliche Kaufleute, hungrig und durstig, Freunde. Wir haben keine Flöhe und Läuse, kein übles Volk unter uns und wollen hier über Nacht bleiben!“ erläuterte der Sprecher der Kaufleute deren Wunsch.

Bevor die Stadtwache den Weg freigab, wurde aber kontrolliert. Tatsächlich wurde ein Zugteilnehmer mit Kopfläusen gefunden und isoliert. Den übrigen Zug geleitete die Stadtwache durch das Tor zum Marktplatz.

Vom Bürgermeister empfangen

Dort wurde der Tross vom Auber Bürgermeister und den Mitgliedern des Stadtrates in Empfang genommen. Für viele der Zugteilnehmer endete die Reise in die Vergangenheit in Aub. Hier, zeitlich zur Halbzeit, bricht ein Teil die Zugteilnahme ab, dafür kommen wieder neue Zugteilnehmer dazu. Das Interesse, der Wunsch, mitzugehen, ist so groß, dass es nicht mehr möglich ist, dass alle von Anfang bis Ende mit dabei sind, erklärte der Veranstalter. In Augsburg war der Kaufmannszug eine Woche vorher gestartet, war über Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg nach Aub gezogen. Übernachtet wurde entweder in Zelten bei den Pferden oder in Gasthäusern an der Strecke. Eine logistische Höchstleistung mussten die Organisatoren vollbringen, mussten Verpflegung für Mensch und Tier, vom Frühstück bis zum Abendessen organisieren, musste sich um Genehmigungen für die Strecke kümmern, die Wege festlegen, die ärztliche Versorgung für Mensch und Tier sicherstellen, Quartier besorgen. Am Marktplatz ließ der Bürgermeister seinen Stadtrat abstimmen, ob die Kaufleute in der Stadt willkommen seien. Nachdem dem von Läusen befallenen Zugteilnehmer der Kopf gewaschen wurde, entschied sich der Stadtrat mit lauten Jubelrufen, den Zug zu beherbergen.

Liebgewordene Gäste

Zum fünften Mal findet der Seligenstädter Kaufmannszug in diesem Jahr statt, in Aub sind die Seligenstädter inzwischen schon liebgewordene Gäste.

Bis spät in die Nacht dauerte das Gelage im Schutze der Stadtmauer. Am Tag darauf galt es für die Zugteilnehmer, den Gottesdienst in der Auber Stadtpfarrkirche zu besuchen. Burkhard Fleckenstein, Pastoralreferent im Ruhestand, verstand es, einen festlichen Wortgottesdienst mit Einheimischen und Gästen zu gestalten, und das Geschehen rund um den Kaufmannszug mit einzubeziehen und am Nachmittag fand doch tatsächlich eine Verlobungszeremonie am Marktplatz statt: Zwei der Zugteilnehmer gaben sich hier das Versprechen, ihren künftigen Lebensweg gemeinsam zu gehen. Der Rest des Tages stand dem Kaufmannszug als Ruhetag zur Verfügung. Auber organisierten Stadtführungen, ein Unterhaltungsprogramm für die Kinder, eine Kaffeetafel im Spitalgarten.

Dass sich Bürgermeister Robert Melber ganz besonders für die Gäste vom Untermain engagierte, liegt nicht zuletzt daran, dass er rechtzeitig vorher von den Seligenstädtern als „Ritter vom steifen Löffel zu Seligenstadt“ in die Gemeinschaft aufgenommen wurde.

Über 350 Kilometer unterwegs

Am Pfingstmontag hieß es dann für die Zugteilnehmer beizeiten aufzustehen. Schon am frühen Vormittag machte sich der Zug wieder auf den Weg, über Wittighausen, Tauberbischofsheim und Obernburg dem heimatlichen Städtchen am Untermain entgegen, wo sie am kommenden Samstag nach mehr als 300 Kilometern zurückerwartet werden.