Hohenlohe-Franken

Nach der Jagstkatastrophe Das einstige Anglerparadies ist noch weit von einem befriedigenden Zustand entfernt / Langfristiger Besatzplan

Wenn dem Fluss die Fische fehlen

Archivartikel

Was machen Angler, wenn es nichts zu fangen gibt? Einblicke in die Gefühlswelt eines Fischerei- und eines Angelsportvereins, drei Jahre nach der Katastrophe in der Jagst.

Kirchberg. Die Bilder kriegt Bruno Fischer aus Kirchberg nicht aus dem Kopf, er hat sogar eine Zeitlang nachts davon geträumt. Wie er den Fischen damals beim Sterben zugesehen hat. Da waren die Aale, die um seine Füße herumzuckten, als er auf Steinen in der Jagst stand. Und da war das Wasser im Fluss, das aussah, als ob es kochte. Nicht das Wasser kochte, sondern Fische mit verätzten Kiemen schnappten in der Giftfahne nach Luft.

Das, was sie da sahen, trieb gestandenen Männern die Tränen in die Augen. Vielleicht kann man deswegen verstehen, warum an anderen Stellen, auf die sich die Giftfahne erst noch zubewegte, Wasser und reiner Sauerstoff in die Jagst gepumpt wurde, in der Hoffnung, es würde etwas bringen.

Absolute Hilflosigkeit

In Kirchberg war schon längst nichts mehr zu retten, die Helfer konnten nur noch zusehen. „Die absolute Hilflosigkeit“, so sagt es Fischer. Wir fahren mit dem Vorsitzenden der Nabu-Ortsgruppe, der auch im Vorstand des Fischereivereins Kirchberg sitzt, an ein Biotop an der Jagst mit Blick aufs Schloss Hornberg – eine von vielen Renaturierungsmaßnahmen nach dem Unglück.

Erinnerungen an den 22./23. August 2015, als in Lobenhausen die Mühle brannte, mit Düngemitteln kontaminiertes Löschwasser in den Fluss gelangte und ein enormes Fischsterben auslöste, werden wach. „Große Ferien, heiß, Niedrigwasser“, sagt Fischer, damals wie heute.

Aber die Sache ist die: Es gibt heute zwar viele Biotope, aber das Leben, die Fische fehlen. „Wo sollen die Fische auch herkommen?“, sagt Fischer, „der natürliche Austausch findet nicht statt.“ Neun von zehn Fischen sind mittler weile Döbel, sagt Fischer. Früher meldete er mal 28 Arten. Damit jetzt nicht nur kleine Döbel in der Jagst schwimmen, gibt es immer wieder Besatzaktionen.

„Kirchberg war ein Anglerparadies“, sagt Fischer. Aber: „Es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis wir den Fischbestand bekommen, den wir vor der Katastrophe hatten.“ Für seine Bemerkung wenige Tage nach dem Unglück, dass es zehn bis zwanzig Jahre dauern werde, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt sei, erntete er von vielen Kopfschütteln. Heute weiß nicht nur er, dass er damit gar nicht so falsch lag.

Das Bild vom Patienten

„Der Fischbestand hat sich inzwischen nicht sonderlich gut erholt. Wir haben sehr viele kleine Fische. Der Artenreichtum ist nicht so vorhanden, wie er ursprünglich mal war“, konstatiert Peter Dietrich vom Bau- und Umweltamt des Haller Landratsamts. Auch drei Jahre nach der Katastrophe wird immer noch das Bild des Patienten Jagst bemüht.

Zehn Tonnen tote Fische sammelte allein der Fischereiverein Kirchberg ein. Insgesamt kamen 21 Tonnen zusammen – das sind jedenfalls die Fische, die gefunden und in Sulzdorf bei der Tierkörperbeseitigung gewogen wurden. Wer mit Anglern spricht, ahnt schnell, dass die eigentliche Menge viel höher gewesen sein muss.

Was macht das mit einem Angelverein, wenn es nur etwas einzusammeln und nichts zu fangen gibt? „Das prägt einen Verein wie Kirchberg auf lange Zeit“, betont Fischer. Könnte doch sein, dass Mitglieder deswegen den Vereinszweck nicht mehr erfüllt sehen und austreten. Nicht so in Kirchberg. Es habe sogar einige gegeben, die seien nach dem Unglück extra eingetreten, um den Verein zu unterstützen. Von den 230 000 Euro Schadenersatz, die der Mühlenbetreiber und die Stadt Kirchberg zahlen, bekommt der Fischereiverein Kirchberg 80 000 Euro. Grundlage ist der Fischschaden, den die Vereine geltend gemacht haben.

Beim Angelsportverein (ASV) Jagst/Langenburg gehen sie von 40 000 Euro aus, berichtet Vorsitzender Achim Thoma. Das Geld soll in den Fischbestand fließen, Thoma schwebt ein Besatzplan für die nächsten fünf bis zehn Jahre vor. Schon in den vergangenen drei Jahren gaben beide Vereine je eine fünfstellige Summe für neue Fische aus.

Der ASV hat 90 Mitglieder, der Jahresbeitrag liegt bei 125 Euro. Die Jagstkatastrophe hat dem Zuspruch keinen Abbruch getan. „Unsere Mitglieder haben uns die Treue gehalten“, sagt Thoma, und: „Von der Vorstellung, dass sich alles von selber erholt, sind wir weit entfernt.“ Geholfen hat natürlich auch, dass Fürst Philipp zu Hohenlohe-Langenburg ihnen bei der Pacht entgegenkam.

Was lebt und krabbelt denn da?

Mittlerweile wird in einem der drei Hauptgewässerabschnitte des Vereins an der Jagst schon wieder geangelt. Dass ein Stück Normalität einkehrt, sieht man auch am Kinderferienprogramm des ASV, das Thoma mit Schriftführer Hartmut Leuze am 31. August auf dem Jugendzeltplatz am Schimbach veranstaltet. Das Thema: „Was lebt und krabbelt da im Wasser?“ Und weiter heißt es: „Wir entdecken die geheimnisvolle (Unter-)Wasserwelt unserer Jagst. Mit Tümpelforscherausrüstung erkunden wir den Fluss und treffen dabei allerhand interessante Lebewesen.“ Damit sind nicht nur Fische gemeint. sit