Hohenlohe-Franken

Zeitgeschichte Raumfahrer Sigmund Jähn flog 1978 zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 und war damit der erste Deutsche im Weltall

„Wir müssen die Erde schonen“

Kosmonaut Sigmund Jähn war der erste Deutsche, der ins Weltall flog. Bei einem Empfang auf Schloss Stetten sprach er über seine Mission von 1978, Privates und die deutsche Einheit.

Schloss stetten. Wer die Erde einmal aus dem Weltall gesehen hat, der spürt viel intensiver als die meisten anderen Menschen, wie kostbar, wunderschön und gleichzeitig zerbrechlich unser Planet ist. Fast alle Astronauten berichten von diesem Gefühl – auch Sigmund Jähn. „Wir haben ein schlechtes Verhältnis zu Mutter Erde und sollten sie endlich mehr schonen. Wenn wir so weitermachen, werden uns das künftige Generationen schwer übel nehmen“, sagt der 81-Jährige auf Schloss Stetten.

Dort ist es seit 28 Jahren Tradition, beim Empfang zum Tag der Deutschen Einheit meist einen prominenten Politiker einzuladen. Der Stargast, ausnahmsweise ein Kosmonaut, genoss in der ehemaligen DDR eine Popularität, von der Abgeordnete, Minister oder Regierungschefs nur träumen können. Sigmund Jähn flog 1978 zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 und war damit der erste Deutsche im Weltall. Der zweite folgte erst 1983 – Ulf Merbold als erster BRD-Astronaut.

Zurück auf der Erde wurde Sigmund Jähn ein Riesenempfang bereitet. Bei einer Städte-Tour durch die DDR herrschte überall Volksfeststimmung. Jähn erhielt die Auszeichnungen „Held der DDR“ und „Held der Sowjetunion“, Straßen und Schulen wurden nach ihm benannt. Er wird von der DDR-Propaganda instrumentalisiert, doch die Begeisterung für den „Fliegerkosmonauten“ ist größtenteils echt. Auch, weil Jähn bei seinen Auftritten absolut bodenständig rüberkommt, als Mann aus dem einfachen Volk.

An Jähns Bescheidenheit scheint sich auch 40 Jahre später nichts geändert zu haben. Ob er denn gern ein Held gewesen sei, wird er beim Empfang gefragt. „Sehe ich etwa aus wie ein Held?“, kontert er mit einer Gegenfrage und lächelt verschmitzt. Die rund 150 Gäste im Saal lachen mit.

Obwohl der Raumfahrer bis heute kein großer Rhetoriker ist, kommt sein Auftritt beim Publikum gut an. Gemeinsam mit der Journalistin Maja Nielsen betritt er das Podium, über ihnen wird ein Foto vom tief verschneiten Morgenröthe-Rautenkranz an die Wand projiziert. 1937 kam Jähn in dem kleinen Erzgebirgs-Ort in einfachsten Verhältnissen zur Welt – als Sohn eines Sägewerkarbeiters und einer Hausfrau. Sein erster Lehrer war „ein Bösewicht, der mit Lust und Liebe geprügelt hat“, plaudert Jähn über seine Kindheit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe er auch erfahren müssen, was es heißt, hungern zu müssen. „Zum Glück kannte sich meine Mutter gut im Wald aus. Im Sommer haben wir manchmal nur Schwarzbeeren (Blaubeeren) und Pilze gegessen“, erinnert er sich.

„Hatten Sie schon als Kind den Traum vom Fliegen“, möchte Maja Nielsen wissen. „Ich habe sehr gern Flugzeuge beobachtet und in meiner kleinen Bude hing das Modell einer JU 52“, antwortet Jähn. Doch sein Vater habe zunächst gewollt, dass er „etwas Anständiges lernt“. Der spätere Kosmonaut absolvierte von 1951 bis 1954 eine Lehre als Buchdrucker, wurde aber wenige Jahre später doch Pilot. Bei den Luftstreitkräften der DDR brachte es Jähn bis zum Generalmajor, als Inspekteur war er für die Untersuchung von Abstürzen zuständig.

Per Schleudersitz in Sicherheit

Einmal hätte er einen Flug fast selbst mit dem Leben bezahlt. Seine Mig 17 geriet in Brand, fiel auseinander. Gerade noch rechtzeitig brachte sich Jähn per Schleudersitz in Sicherheit. „Als ich unten war, fand ich einen verkohlten Rest meiner Karte – ausgerechnet Glückstadt war auf dem Ausschnitt zu sehen“, schmunzelt Jähn.

Für seinen Flug zur Raumstation wurde Jähn unter etlichen Bewerbern ausgewählt – auch weil er einen „robusten Magen“ hatte, sich anders als viele andere bei den harten Tests nicht übergeben musste. Acht Tage lang blieb Jähn auf der Raumstation, umkreiste währenddessen 125 Mal die Erde.

Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, war Jähn gemeinsam mit seiner Frau und westdeutschen Astronauten in Riad (Saudi Arabien). „Weiß du, was sich in Berlin abspielt? Die sitzen auf der Mauer und saufen Sekt“, hätten die Kollegen zu ihm gesagt. „Die Tragweite dieses Ereignisses habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht erfasst“, gesteht Jähn.

Nach der Wiedervereinigung wurde ihm von Kritikern Opportunismus und Systemtreue vorgeworfen. Anders als den im thüringischen Greiz geborenen Ulf Merbold zog es Jähn nicht in den Westen. Vor dem Mauerbau 1961 wäre die Chance da gewesen. „Ich habe den Gedanken gehabt“, gesteht Sigmund Jähn auf Nachfrage von Maja Nielsen. „Aber ich war der einzige Sohn zu Hause und meine Mutter war krank. Deshalb kam das für mich nicht in Frage.“ Und die deutsche Einheit? „Es ist ein Glück, dass es so gekommen ist und Deutschland heute so gut dasteht“, betont Jähn.

Mit Alexander Gerst befreundet

Gastgeber Christian von Stetten schlägt den Bogen zum Künzelsauer Astronauten Alexander Gerst. „Sie waren vor 40 Jahren der erste Deutsche im All. Und heute, zum Tag der Deutschen Einheit, wird Alexander Gerst als erstem Deutschen das Kommando über die Internationale Raumstation ISS übertragen“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete.

Von Stetten und Jähn, die beide mit Alexander Gerst befreundet sind, überbringen beim Empfang dessen Grüße aus dem Weltall. Der frischgebackene ISS-Kommandant schickt ein Foto, das einen in der ISS schwebenden Schlüssel zeigt.Es handelt sich um den Schlüssel einer Sternwarte, die demnächst auf Schloss Stetten gebaut werden wird und Alexander Gersts Namen tragen soll.

Was er von einer möglichen Mars-Mission hält, wird Sigmund Jähn zum Schluss gefragt. „Ganz ehrlich, ich bin skeptisch. Auf dem Mars möchte ich nicht begraben sein“, sagt der Sachse. „Aber der Mond könnte schon mal wieder besucht werden.“ goma