Hohenlohe-Franken

Wissenschaftliche Tagung Expertenrunde im Wildbad beleuchtete Aspekte des Landschaftsgartens / Thema war das „pittoreske Rothenburg“

Zwischen Schönheit und Schrecken

Es waren zwei Tage konzentrierten Zuhörens bei der wissenschaftlichen Tagung im Wildbad unter dem Stichwort pittoresk und mit dem zu hinterfragenden Titel „Rothenburg als Landschaftsgarten“.

Rothenburg. Die vierzehn Referentinnen und Referenten der Tagung im Wildbad boten ein großes Spektrum von Architektur über Literatur bis zur Musik im Kontext zum Thema.

Gewissermaßen aus erster Quelle der englischen Gartenstadtplanung mit Rothenburg-Anklängen wußte der Londoner Architekt David Davidson zu berichte, während Vicky Axell aus dem englischen Letchworth das Wirken der Architekten Barry Parker und Raymond Unwin von 1896 bis 1914 in England mit dem Entwurf von·Letchworth, der weltweit ersten Gartenstadt, näher beleuchtete. Sechs Dozenten aus Rothenburg unterstrichen die große örtliche Kompetenz.

Kultur- und Tourismuschef Dr. Jörg Christöphler verdeutlichte eingangs als Veranstalter die Theorie der malerischen Architektur im 19. Jahrhundert bis zum Städtebau nach künstlerischen Grundsätzen des Wiener Stadtplaners Camillo Sittes von 1889. Er führte in die von ihm kreierten Themenjahre 2019 bis 2021 ein, von denen die Wissenschaftstagung nur einen Auftakt darstellt und bereits als nächstes Ereignis die Monnikendam-Gemäldeausstellung im Rothenburg-Museum ansteht.

Im Unterschied zur englischen Rezeption Rothenburgs aus dem Geiste der humanitär sozialistischen Arts and Crafts-Bewegung falle die deutsche Wahrnehmung deutlich nationaler aus, stellte Christöphler fest. Die nationalkonservative Betrachtung ist dann unter den Nationalsozialisten vereinnamt worden. Das romantisch verklärte Rothenburg-Bild erläuterte Dr. Christöphler anhand eindrucksvoller Beispiele aus Malerei, Literatur und Kunstbetrachtung. Im Deutschen werde das Pittoreske gerne mit Biedermeierlich-Beschaulichem oder rein touristischer Wahrnehmung gleichgesetzt. Die Frage lautete wie sich ein spezifisch moderner Begriff davon gewinnen läßt und welche Rolle Rothenburg dabei zukommt.

Dozent Dr. Adrian von Butlar erläuterte den neuen Naturbegriff im Zuge der Aufklärung ab etwa 1730. Damals wandte man sich vom streng geformten fürstlichen Barockgarten ab und propagierte eine freiere Form des Landschaftsgartens. Was man als schön empfinde zeigte sich ebenso differenziert wie bis zum Kitschigen strapazierte malerische Effekte.

Vor allem Gustav Kraus (1804 bis 1852) habe Rothenburg in seinen Lithographien als Teil eines Naturerlebnisses zelebriert, betonte Museumsdirektor Dr. Möhring. Die Maler Arthur Wasse und Peter Philippi prägten das künstlerische Gesamtbild bis heute.

Referent Dr. Karl-Heinz Schneider erläuterte wie die Werke der Engländer Wasse und Elias Bancroft herausragen und sieht Rothenburg bis Mitte des 20. Jahrhunderts als Malerparadies.

Einfluss auf England

In weiteren Referaten folgte man den Spuren von Turner, der mit seinen Aquarellen schon 1817 ein pittoresk anmutendes Bild der fränkischen Landschaft entwarf. Das „als authentisches Mittelalter wahrgenomme Bild“ sei in der Außenwahrnehmung bei französischen wie englischen Autoren vorhanden gewesen, so Referent Dr. Huggenberger.

Von Architekt David Davidson aus London bekamen die Zuhörer eine detaillierte Darstellung der Gartenvorstadt Hampstead geboten. Deutsche und kontinentale Baustile hatten die Planer Parker und Unwin um 1906 studiert und sich dabei auch in Rothenburg umgeschaut, so dass etliche Anklänge an die Altstadt in der Gartenstadt Hampstead bis heute sichtbar sind.

Aber auch die Musik mit dem Kunstlied (Dozent Kilian Sprau) oder das Landschaftsideal in der romantischen Literatur (Dozentin Dr. Carina Jung, Bonn) eröffneten interessante Perspektiven.

Johanna Kätzel verwies auf Rothenburgs Präsenz im Film, während Prof. Dr. Bernd Guggenberger, Berlin, zum „Spaziergang am Anfang und Ende der Moderne“ einlud und meinte: „Das Pittoreske vermittelt zwischen Schönheit und Schrecken”.

Einflüsse des Schweinfurter Architekten Theodor Fischer (1862-1938), von dem das Luitpoldschulhaus ist, seien zwar erkennbar, aber eine Gartenstadt nie in Rothenburg geplant worden, konstatierte der örtliche Architekt Eduard Knoll. Die Landschaftszersiedelung lasse sich leider nicht aufhalten und schon immer hätten wirtschaftliche Überlegungen Vorrang gehabt. Er verwies beispielhaft auf verschwundene Grüngürtel, Gärten sowie den Philosophenweg mit Mittelalterbrücke und Reste des äußersten Wallgrabens, der gerade Baugrund wird.

Die auswärtigen Tagungs-Teilnehmer zeigten sich vom pittoresk wirkenden Rothenburg mit dem Wildbad und der Lage in der Taubertal-Landschaft beeindruckt.