Igersheim

Im Bürgerhaus Der "Neue" kann überzeugen / Frank Fischer erstmals beim Kulturkreis zu Gast

Den Irrwitz des ganz normalen Lebens auf die Spitze getrieben

Igersheim.Er hat sicher lange an jedem Wort lange gefeilt: Frank Fischer begeisterte am Samstagabend das Igersheimer Kabarett-Publikum mit seiner Premiere auf der Bürgerhausbühne. Seinen Blick richtete er dabei auf den ganz normalen Alltagswahnsinn.

Dass man so lange einen Kabarettisten übersehen konnte, der immerhin 19 Preise einheimsen konnte, das fragte Ingrid Kaufmann-Kreußer bei der Begrüßung eher rhetorisch. Denn nun sei Frank Fischer ja da. Premiere in Igersheim für ein neues Gesicht. Und diese hatte es in sich, denn Frank Fischer schüttet in "Gewöhnlich sein kann Jeder" kübelweise Häme und Spott über seine Protagonisten. Und das sind fast durchweg keine Politiker oder Showgrößen, sondern Nachbarn, Zufallsbekannte, anonyme Mitbürger und Werbefernsehen-Gesichter. Nur an einer Stelle kommen Angela Merkel und Starkoch Alfons Schubeck vor. Und einmal auch Helene Fischer. "Nein, das ist nicht meine Schwester. Die hat ja Haare!"

Was Fischer schafft, ist grandios: Er unterhält bissig, ja geradezu böse, doch kaum einem fällt es auf. Nicht, "Weil's erlaubt ist!", um Fischers Lieblingsspruch zu zitieren, sondern weil sich die Zuhörer in seine vielen Szenen aus dem ganz normalen Alltagswahnwitz wiedererkennen. Die Fahrt im Zug, im Bus oder im Taxi, das Verkaufsgespräch im Elektronik-Supermarkt, das Erlebnis im Möbelhaus mit dem Elch oder im Biber-Baumarkt - jeder hat es so oder ähnlich auch schon erlebt. Und wenn nicht, dann steht es dicht bevor. Ein hoher Wiedererkennungswert prägt das Programm, und Fischer jongliert geschickt mit gemachten, sowie erwarteten Reaktionen und Erfahrungen. Dabei bleibt er sprachlich stets auf dem Boden, gleichwohl jeder Satz, ja jedes Wort viel Zeit gekostet haben müssen, um jeweils so schlüssig ineinandergreifen zu können.

Die Requisite ist spartanisch: Er benötigt nur das Werbebild seines aktuellen Programmes, das vom Veranstalter platzierte Tischchen mit Glas und Wasserflasche braucht er nicht. Schwarzes T-Shirt, Jeans und Sportschuhe - mehr braucht er nicht, mehr würde ja ablenken von den wahren Inhalten, von der Waffe des Kabarettisten: dem Wort.

Und diese Waffe gebraucht er mit großem Können. Ob fein mit dem Degen, grob mit dem Säbel und - bei Bedarf - auch mal mit der großkalibrigen Kanone, Fischer sucht und trifft sein Ziel. Und so hat das Publikum seinen Spaß, erinnert sich selbst an irrwitzige Erlebnisse und stellt sich, etwa bei Fischers Betrachtungen über - ja, auch außergewöhnlich blöde - TV-Sendungsformate wie etwa "Die erste eigene Wohnung", wo ein offensichtlich grenzdebiles Paar die Einrichtung aufbaut: "Wozu muss es denn ausgerechnet bei denen ein Bücherregal sein?", fragt Fischer. Chapeau!

Doch auch die Werbung hat ihren Reiz, man muss nur genau hinhören beim Radio und hinsehen beim Fernsehen. Das Anti-Haarausfall-Mittel reduziert den Haarausfall, sagt da ein - natürlich vollbehaarter - vermeintlicher Doktor unter Hinweis auf die Forschungsergebnisse "in der Tat!".

Ja, das muss man sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen - und dann wird aus dröger Werbung nur noch Spaß. Erklärungen liefert Fischer auch: Wenn der Müsli-Produzent immer etwas was Neues präsentiert - "bei so viel Hanföl müssen die ja gut drauf sein!" - oder der Firmeninhaber und Anzugträger regelrecht in die T-Shirt-Produktion "hineingeschossen" wird, tun sich ganz neue Perspektiven auf. Das Verdienst des Kabarettisten ist es, diese Blick- und Hörwinkel aufzuzeigen und sein Publikum mitzunehmen auf seiner Reise durch Absurdistan. Selbst aktiv werden können alle, denn "Was der Bauer nicht kennt, lernt Hans nimmermehr" macht deutlich, dass sogar altbekannte Sprichwörter vor der allgemeinen Massenverblödung nicht mehr sicher sind.

Dass vor allem Deutsche, aber eben kaum Ausländer in "Kanak-Sprak" miteinander kommunizieren, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Nun ja, eine Gesellschaft, die es fertigbringt, dass die Schlümpfe 14 Millionen Freunde auf Facebook haben, die scheint rettungslos verloren.

Damit konfrontiert, ergeben sich für Fischers Publikum wunderbare Zeiten mit erfrischenden Erlebnissen - mit Bekannten, Freunden, in der Familie oder auch neuen Bekanntschaften mit anderen Fahrgästen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Warum dünne Frauen besonders abnehmwütig sind, weshalb im Fitness-Studio alle tätowiert sind, viele davon mit chinesischen Schriftzeichen, die sie nicht einmal lesen können ("von wegen Glück, Liebe und Freude, das heißt Ente süß-sauer") und wieso "wir gehen laufen" ein sprachlicher Haufen ist - Fischer erklärt es und das Publikum nimmt es auf wie ein trockener Schwamm das Wasser.

Dass er gleich drei Zugaben geben darf, versteht sich nach diesem Feuerwerk der (leider angebrachten!) gesellschaftlichen Spitzfindigkeiten von selbst.

Fazit: Der Kulturkreis hatte mit dem Engagement von Frank Fischer ein goldenes Händchen. Und vielleicht - was durchaus wünschenswert ist - tritt er noch öfter im Bürgerhaus oder in der Erlenbach-Halle auf, denn "gewöhnlich sein kann Jeder". Fischer aber ist außergewöhnlich!