Igersheim

Poetry Slam Unter dem Motto „Erinnern und vergessen“ beteiligten sich elf Jugendliche / Siegerin wurde Samira Schmitt

Vielschichtige Texte entworfen

Die Jugend ist unpolitisch und will nur feiern? Weit gefehlt. Das zumindest ist der Eindruck nach dem Poetry-Slam zum Thema „Erinnern und Vergessen“ im Rahmen der Jüdischen Kulturtage.

Igersheim. „Die“ Jugend gibt es nicht, ebenso wenig wie „die“ Männer oder „die“ Frauen. Nach dem Poetry-Slam bleibt jedenfalls ein starker Eindruck von den elf Schülern, die sich diesem Wettbewerb stellten.

Eingeladen zu diesem Termin im Bürgerhaus waren Schüler aus Igersheim und Bad Mertentheim ab der 8. Klasse. Die Aufgabe lautete, einen selbst verfassten Text in maximal fünf Minuten vorzutragen. Das Thema war „Erinnern und Vergessen“, und dazu hatten die Organisatoren vom Seminarkurs am Wirtschaftsgymnasium – auch die beiden Lehrer Klaus Huth und Annette Breitenbach waren anwesend – eigens ein Logo entworfen: Eine zerbrochene Glühbirne (mit Spinnennetz!), umrahmt vom Motto des Abends. Neben zahlreichen Freunden und Eltern waren als besondere Gäste auch Adele und Roy Igersheim im Publikum – die Gäste aus den USA lauschten den jungen Leuten mit großem Interesse und belohnten am Schluss einige Teilnehmer mit Präsenten.

Um es vorwegzunehmen: Alle elf Schüler übersprangen die Hürde des Themas locker. Es waren vielschichtige, stets interessante Texte zu hören. Die fünf Minuten Redezeit wurden nicht ausgeschöpft, es geht auch kürzer, wie die jungen Leute eindrucksvoll bewiesen. Das Moderatorenteam – Mario Girig, Jana Krenk und Benedict Selbach – wirkte souverän und hatte den Abend stets im Griff. „Außer Konkurrenz“ trugen Krenk und Gabriel Krauß ebenfalls Nachdenkliches vor. Als Jury wirkten Sr. Mara (St. Bernhard) sowie Katharina Hänsel und Gabriel Krauß, und auch das Publikum konnte sein Urteil abgeben. Aufgeteilt waren die Teilnehmer in zwei Sechser-Gruppen, da jedoch ein junger Mann fehlte, blieben von den zwölf angemeldeten Poetry-Slammern „nur“ elf übrig.

Fernando Santos Costas trat als erster auf die Bühne und trug seine Überlegungen über den Menschen und seine Fehler und Fähigkeiten, zu denen auch das Leid und die Trauer sowie das Erinnern und Vergessen gehören, vor. Sein Lohn: 23 Punkte. Ihm folgte Misa Nguyen. Sie widmete sich eigenen Erfahrungen und dem Umgang mit Erlebten. Was sind Erinnerungen, und warum erinnern wir uns? fragte sie rhetorisch und erhielt viel Applaus sowie 27 Punkte.

Emanuel Neumann erzählte eine Geschichte über einen Menschen, der sich wirklich alles merken konnte und den erst ein Arzt darauf hinwies, dass (nicht nur) alte Menschen vergessen können – ein oftmals leidensvoller Prozess. Sein extrem kurzer und knackiger Text wurde mit 23 Punkten bewertet.

Pauline Löffler schließlich machte auf die Veränderungen einer Schülerin von der Grundschule bis zum Abitur aufmerksam – aus der Perspektive weniger hundert Stunden vor dem 18. Geburtstag. Sie reflektierte das Schülerleben und die Entwicklung der Persönlichkeit sowie die Erwartungen und Herausforderungen ans Erwachsensein – ein starker Vortrag! Und das wurde von der Jury auch so gesehen, sie gab 29 Punkte.

Jana Trehkopf machte auf die Gefühle junger Menschen aufmerksam – „das Ding“ tut viel in einem, und auch das Erinnern gehört dazu. Auch sie konnte sich über 26 Punkte freuen. Nach der Pause startete die zweite Gruppe, und Paul Rückert machte den Anfang. „Dem Motto gemäß habe ich vergessen, meinen Text abzuspeichern und musste mich erinnern, um ihn neu einzutippen“ – ein starker und offener Einstieg. Er widmete sich den Eindrücken eines Menschen, der ein ganz bestimmtes Haus in einer bestimmten Straße sucht und findet – und mit ihm zahlreiche Eindrücke aufnimmt. Dafür gab es 25 Punkte.

Vom Leben einer Schülerin

Den Appell „erinnert eure Kinder!“ richtete Nadja Peters an die Zuhörer, indem sie Episoden aus einem Familienleben aufzählte. Ihr wurden 22 Punkte gutgeschrieben.

Laura Lühder rezitierte Reflexionen über das Leben von Kindern und Enkelkindern – auch hier haben Erinnern und Vergessen einen festen Platz – nicht nur aus Sicht der (Groß)Eltern. Dafür gab es 24 Punkte. Ioanna Theofilou erzählte vom Leben einer Schülerin, die „nicht schlank und blauäugig“, gleichwohl hier geboren und aufgewachsen ist und von den Mitschülern im Bus und in der Klasse ausgegrenzt wird. Was bleibt da an Erinnerung, was kann vergessen werden – und von wem? Klar war ihre Botschaft: „Ich bin hier geboren, hier ist meine Heimat!“ Für diesen eindrücklichen Text vergab die Jury 27 Punkte.

Samira Schmitt erzählte, was sie beschäftigt in Sachen Erinnern und Vergessen. Oft ist es Alltägliches, sagte Schmitt. Und leider sei es manchmal nicht nur atemberaubend, was manche Menschen erleben müssen, denn wahrlich Atem raubend seien manche Erinnerungen, etwa von Flüchtlingen und Vertriebenen. Dafür gab es 29 Punkte – die an diesem Abend nur zwei Mal erreichte höchste Punktzahl.

Rick Wonn schließlich lieferte eine sehr persönliche und humorvolle Betrachtung des Schülerlebens.

Woran liegt es, wenn’s nicht so läuft, wie es soll? Und warum bleibt das haften in der Erinnerung, und was wird gerne vergessen? Für seinen gelungenen Beitrag gab die Jury 27 Punkte.

Nachdem dann auch das Publikum seine Stimmzettel abgegeben hatte, wurde ausgezählt. Am Ende kam Pauline Löffler auf Rang drei, Misa Nguyen freute sich über den zweiten Platz und Samira Schmitt ging als Siegerin des Bürgerhaus-Poetry-Slams hervor.