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Der Mensch ist, was er isst

Archivartikel

Essen ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Gerade Food-Trends geben Aufschluss über die Gesellschaft. Von Xenia Heckmann

Wie jede Branche in Zeiten der globalisierten Welt unterliegen auch kulinarischen Kreise einem ständigen Wechsel von neuen Moden. Die „essthetischen“ Kuriositäten haben auch das Interesse unserer Jugendredakteurin geweckt. Sie hat sich auf die Spur der Food-Trends gemacht.

Gesellschaftsseismograf

Food-Trends entstehen nicht durch bloßen Zufall. Ganz im Gegenteil: Sie sind von vielen globalen, sozialen, ökonomischen, technologischen sowie politischen Entwicklungen geprägt. Deshalb sind Food-Trends auch eine Art Barometer, an dem man gesellschaftliche Entwicklungen ablesen kann. Beispiel Veganismus: Viele Veganer nennen als Beweggründe für ihre Ernährung das Ablehnen der Massentierhaltung oder „der Umwelt wegen“. Food-Trends geben so Auskunft über Sehnsüchte und Lebensumstände der Bevölkerung. Sie gelten dadurch als „Frühwarnsystem“, das auch für Unternehmen von Interesse ist.

Bei Trends spielen nämlich Marketing-Strategien eine große Rolle. Sogar die Politik mischt mit und bewirbt ihre Landesküche, um Touristen anzulocken. Der Clou nennt sich „Gastro-Diplomacy“ – und funktioniert einwandfrei, betrachtet man den mittlerweile allseits bekannten koreanischen Kohl Kimchi zum Beispiel. Trotzdem müssen Trends nicht im Konferenzzimmer entstehen. Sie sind auch ein Teil der „Straße“ und werden von Einzelnen oder Gruppen weiterverbreitet. In der Gastronomie könnte ein Koch oder ein Barkeeper zum Trendsetter werden. Aber nicht jede Lokalität ist zum Modeauslöser geeignet: Wer das schaffen will, muss ein innovatives und aufgeschlossenes Publikum haben, das den Trend weiterträgt.

Als Einzelperson hat man die Qual der Wahl: Entweder dem Trend folgen oder ihn ablehnen. Es ist zum Trend geworden, Nahrung als Mittel zur Selbstfindung zu benutzen. Man drückt mittlerweile seine Identität durch bestimmte Essgewohnheiten aus: Mit einem „Low-Carb“-Junkie, der süchtig nach supergesundem Superfood scheint, assoziiert man vielleicht schnell einen ernährungsbewussten Fitnessfreak.

Diese Individualisierung sorgt für Inspiration und Orientierung des Einzelnen, aber auch zur Desorientierung der Unternehmen, die gerne bei einem gehypten Trend mitwirken und dadurch Geld verdienen wollen. Durch sogenannte „Gegentrends“ wird es immer schwerer, Produktentscheidungen abzuleiten.

Wer trägt Schuld?

Die USA gelten in europäischen Ländern als „Top Eins“ der Trendsetter. Tatsächlich werden viele Trends, beispielsweise Fast Food, von uns aus den Staaten übernommen. Doch nicht nur dieses Vorbild spielt eine Rolle im Essensmarkt, sondern auch die Medien und die Werbebranche. Bekannte Persönlichkeiten, sogenannte „Influencer“, beeinflussen wortwörtlich den kulinarischen Wandel. Sie drücken sich auf sozialen Netzwerken mit einem gewissen Lebensstil aus. Hohe Abonnentenzahlen machen sie interessant für Unternehmen, um dort Produkte zu platzieren und präsentieren. Das hat auch Nachteile: Blogger sind keine (Essens-)Experten, und durch unreflektierte Aussagen können Mythen über Nahrungsmittel entstehen. Auch wenn viele Food-Trends spannend und vielversprechend klingen: Nicht jeder Hype der Massenbegeisterung ist ein Trend für jeden.