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Ein Dialekt hilft in der Schule

Viele kennen die Situation, dass man bei Urlauben im Ausland die Einheimischen kaum oder nur sehr schlecht versteht. Verständigungsprobleme sind vorprogrammiert, wenn man die Sprache nicht beherrscht.

Innerhalb der deutschen Grenzen sollte die Kommunikation dagegen eigentlich reibungslos vonstatten gehen – so meint man. In jeder Region und manchmal sogar in jeder Stadt kann es aber einen individuellen Dialekt geben, der „Ausländern“ Schwierigkeiten bereitet. Ein Dialekt, der ein eigenes sprachliches System mit eigenen Regeln ist, funktioniert parallel zur Standardsprache.

Eine der ersten nachweisbaren Formen des Deutschen entwickelte sich um etwa 600: das Althochdeutsche. Daraus wurde Mittelhochdeutsch, aus dem sich letztendlich das heutige Deutsch entwickelte.

Bereits bei den Germanen existierten Dialekte, die sich in Regionen einteilen lassen, zum Beispiel Nord, Ost, Elbe, Weser-Rhein und Nordsee. Daraus entwickelten sich im Laufe von Jahrhunderten Volksgruppen wie Bayern, Hessen, Angeln, Sachsen und Franken.

Ab Mitte des 13. Jahrhunderts entwickelte sich eine reine Schriftsprache, die zur Vereinheitlichung diente, da es unter Handwerkern, Kaufleuten und höfischen Kanzleien eigene Fachsprachen gab.

Unter Sprachwissenschaftlern gibt es mehrere Theorien darüber, wie sich Dialekte verbreitet haben, zum Beispiel die Stammbaum-, die Wellen- oder die Entfaltungstheorie. Worüber sich die Wissenschaftler jedoch einig sind, ist, wie Dialekte abgeschwächt werden. Dies geschieht, wenn Sprecher verschiedener Mundarten öfter miteinander in Kontakt treten. Je mehr Verbindung besteht, desto stärker werden die Dialekte abgeschwächt.

Die Industrialisierung und der dadurch resultierende Handel, die bequemeren Transportmöglichkeiten und die Zunahme an Reisen mit besserer Infrastruktur dämmten die Verbreitung von Dialekten weiter ein. Spätestens seit den 60er Jahren gilt das Sprechen mit einem Dialekt als negativ konnotiert; oft wird ein Dialekt mit einem niedrigen Bildungsniveau assoziiert. Dabei kann ein Dialekt ein Ausdruck der eigenen Identität und Herkunft sein und ein besseres Sprachgefühl vermitteln.

Wissenschaftler sind sogar der Ansicht, dass Dialekte die Kreativität und das abstrakte Denken fördern, da es darin viele Metaphern gibt, zum Beispiel: „Rutsch mir doch den Buckel runter!“

Nur noch eine Minderheit

Mittlerweile spricht nur noch etwa jeder vierte oder fünfte Deutsche eine Mundart. Die Minderheit, die ein Dialekt beherrscht, hat viele Vorteile, wie kürzlich Professor Anthony Rowley, Sprachforscher und Mundart-Experte an der Ludwig-Maximilians-Universität München herausfand: „Wenn ein Kind gleichzeitig mit Dialekt und Standardsprache aufwächst, gilt das für die Hirnforschung als eine Variante von Mehrsprachigkeit.“

Und die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu beherrschen, ist für die geistige Entwicklung von Vorteil. Schüler, die Dialekt sprechen, bemerken laut Rowley sehr früh den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Das ist für das Erlernen der Rechtschreibung wichtig, da selbst in exaktem Hochdeutsch nicht alles so geschrieben wird, wie es gesprochen wird.

Untermauert wird diese These von einer Studie der Universität Oldenburg, bei der Aufsätze von Dritt- bis Sechstklässlern untersucht wurden. Die Schüler, die eine Mundart sprachen, machten im Schnitt 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler als ihre Mitschüler, die nur reines Hochdeutsch beherrschten. Ideal ist es, wenn Menschen je nach Situation zwischen Dialekt und Hochdeutsch wechseln können.