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Hände wichtigstes Werkzeug

In der Schule besuchte ich die Deutsche Gebärdensprache- AG. Für jemanden, der viel und vor allem schnell spricht, war es eine Umstellung, nur anhand von Gebärden zu kommunizieren. Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine natürlich gewachsene und vollständige Sprache, die allein auf visueller Ebene funktioniert. Sie setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen: Gestik, Körperhaltung, Mimik, aber auch das Mundbild spielen dabei eine Rolle. Die Hände sind das wichtigste Werkzeug eines Gehörlosen.

Kleine Veränderung

Nur eine kleine Veränderung der Handstellung kann die Bedeutung verändern. Wie „gehen“ und „gegen“ durch den Austausch eines Konsonanten eine gänzlich neue Bedeutung erhält, so wird aus einer „nach oben gerichtete geschlossene O-Hand“, was „fühlen“ bedeutet, „tanzen“, wenn man Mittelfinger, Ringfinger und den kleinen Finger zusätzlich abspreizt. Noch deutlicher ist es bei „du“ und „sein“. „Du“ ist ein gestreckter Zeigefinger nach vorne, während „Sein“ eine nach vorne gestreckte Flachhand ist.

In unserem ersten DGS-Treffen legten wir unseren Gebärdennamen fest. Das Fingeralphabet ist zwar weltweit größtenteils gleich, jedoch dauert es gerade bei längeren Vornamen etwas, diesen zu buchstabieren.

Unsere Lehrerin Daniela Anton hatte den Gebärdennamen „gekrümmter Zeigefinger zur Augenbraue“, ein Name, den sie in ihrer Studienzeit von den Gehörlosen bekommen hatte. Eine Mitschülerin wählte „gefaltete Hände, die sich wie ein Buch öffnen“ um Weltoffenheit und ihre Liebe zu Büchern zu signalisieren. Mein Name war ein „Fuchteln mit den Armen“, da ich immer wie ein Wirbelwind durch die Gegend sauste. So viel Mitsprache bei der Namensgebung gibt es auch in der Gebärdensprache nicht.

Doch wie soll man auf sich aufmerksam machen, wenn die Person, mit der man sich unterhalten möchte, einen nicht anschaut? Gesehen werden ist essenziell, wenn man durch Handbewegungen kommunizieren möchte. Unsere Lehrerin gab uns zwei Möglichkeiten: entweder ein sachtes Auflegen der Hand auf die Schulter oder ein Aufstampfen. Gehörlose hören zwar das Stampfen nicht, können aber die Vibrationen des Bodens spüren.

Wir erlernten die Grundlagen der DGS. Begrüßen, über Familie und Beruf reden, Hobbies und generelle einfache Konversation. Vokabeln lernen bestand darin, aufgezeichnete Gebärden „nachzugebärden“ und in Sätzen zu verwenden. Da die Gebärdensprache ihre eigene Grammatik hat, übten wir, indem wir das, was wir sagen wollten, in DGS Grammatik aufschrieben und dann gebärdeten.

Aus „Hallo, mein Name ist Ursula, mein Gebärdenname ist ’Armfuchteln’. Ich komme mit dem Bus zur Schule. Ich habe drei Brüder“ wird „ Hallo, mein Name U-R-S-U-L-A, mein Name Gebärde ’Armfuchteln’. Ich Schule Bus komme. Ich drei Brüder habe.“

Des Weiteren gibt es in der DGS fünf Zeitformen: Vergangenheit („Damals), relative Vergangenheit („Vor Kurzem“), Präsens, relative Zukunft („Morgen“) und Zukunft. Die Zeit wird, anhand von Zeitlinien, auf den Raum gestützt, und nicht wie in der deutschen Sprache abstrakt formuliert. Da Gebärdensprache im Alltag verwendet wird, ist sie so konzipiert, dass sie alltagstauglich ist. Einen bestimmten Artikel gibt es nicht, er wird aus dem Kontext erschlossen. Trotzdem kann man auch alltagsfremde Themen in Gebärdensprache diskutieren, vorausgesetzt, man teilt denselben „Gebärdenschatz“.

Ein bis zwei von 1000

In Deutschland kommen von 1000 Kindern jährlich ein bis zwei mit einer Hörschädigung auf die Welt. Sie wird mittels eines Neugeborenen-Hörscreenings festgestellt, das seit Januar 2009 zur Standarduntersuchung nach der Geburt zählt. Ab einem Alter von zwei Jahren kann die DGS erlernt werden. Auch wenn sie seit 2002 als eigene Sprache anerkannt ist, liegt es immer noch an den Eltern, ihre gehörlosen Kinder in Kursen zu fördern. Im Alter von sechs Monaten haben Kinder eine sogenannte Lallphase, in der sie anfangen zu brabbeln und auch Silben bilden. Da gehörlose Kinder keine akustischen Reize aufnehmen können, verstummen sie meist nicht viel später. Das Lerntempo von Gebärdensprache und gesprochener Sprache ist derweil gleich, mit 19 Monaten beherrschen gehörlose Kinder um die 50 Gebärden.

Feinheiten wie „Ich“ und „Du“ werden erst ab einem Alter von ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahren verstanden, wie auch bei hörenden Kindern. Das ist ein Beweis dafür, dass die Spracherwerbsprozesse sowohl in der Lautsprache als auch in der Gebärdensprache immer nach gleichen Mustern verlaufen.

In Bad Mergentheim besuchte ich mit einer Freundin einen Gehörlosentreff, um mehr Muttersprachler kennenzulernen. Ich traf auf Gehörlose, die taub geboren wurden, aber auch erst später im Leben ertaubte. Gebärdensprache gab beiden neue Lebensqualität. So wurde mir der ein oder andere Witz gebärdet und anschließend aufgeschrieben, da mein DGS noch in den Kinderschuhen steckte.

Schnell und genau

Was mich an der Gebärdensprache am meisten faszinierte, waren die Geschwindigkeit und Genauigkeit, mit der gebärdet wird. Jeder, der schon mal inklusives Fernsehen geschaut hat, weiß, dass Dolmetscher sehr schnell gebärden müssen, um den gesamten Inhalt zu übersetzten.

DGS ist eine eigenständige Sprache, die wesentlich kulturstiftend für Gehörlose ist. Nur Untertitel können nicht erschaffen, was DGS erschafft. Umso wichtiger ist es, diese Kultur zu fördern und nicht zu verschweigen. In Amerika entwickelte sich eine „Deaf Pride“-Bewegung, die bewirken will, dass die Behinderung des Nicht-Hörens von den Betroffenen als Stärke angesehen wird.

Wenn die Gesellschaft mit an diesem Strang zieht, wird es wahrscheinlicher, dass sich keine Parallelgesellschaft der Gehörlosen bildet. Mein Leben hat die Gebärdensprache um einige Erfahrungen bereichert. Sie hat mir die Augen geöffnet dafür, dass jeder Mensch sich nach gedanklichem Austausch und Verständnis sehnt. Verstanden zu werden, ist ein gutes Gefühl, ob nun gehörlos oder hörend.