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Nur satt sein reicht nicht mehr

Archivartikel

Essen ist ein Grundbedürfnis. Statistiken zufolge verbringt ein 80-jähriger Mensch rund fünf Jahre mit essen. Die Essenskultur hat sich über die Jahrhunderte hinweg stark verändert. Im Laufe der Zeit entwickelten sich besondere Vorlieben und Trends, was die Ernährung stark beeinflusste.

Das 15. Jahrhundert gilt als Schlüsselrolle für ausländische Lebensmittel. Europäische Seefahrer kamen nach Indien und Amerika und brachten Produkte wie Kakao, Tabak, Zucker, Kaffee und Zitrusfrüchte in die alte Heimat. So kamen viele Waren von der anderen Seite des Globus nach Europa.

Mit der Industrialisierung stieg die Zahl der Bevölkerung rapide an. Ressourcen wurden knapp und teuer, Hungersnöte waren an der Tagesordnung. Der Fleischkonsum sank und die Anpflanzung von robusten Getreidesorten wie Mais und Reis wurden vorangetrieben. Auch wurde die Kartoffel als nahrhafte Pflanze wiederentdeckt.

Erfolgsmodell Fertigpizza

Bis zum 19. Jahrhundert war die Ernährung stark abhängig von Haltbarkeit und der Saison. Doch neue technologische Entwicklungen veränderten die Herstellung von Lebensmitteln, die von da an luftdicht verpackt, gekühlt und eingefroren werden konnten. Dank der Erfindung der Dampfmaschine konnten Lebensmittel in der Folge in größeren Mengen transportiert werden.

Während der beiden Weltkriege herrschten oft Hungersnöte, die Auswahl des Essens war sehr eingeschränkt. Hausfrauen waren gezwungen, mit nahezu nichts ein Essen zuzubereiten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Lebensmittel mit Essensmarken gekauft. Restaurantbesuche waren auch nicht üblich, da viele Menschen kein Geld dafür hatten. Durch die vier Besatzungsmächte kamen viele Trends nach Deutschland.

Auch der Ort der Essenszubereitung hat sich im Laufe der Zeit geändert. Galt die Küche früher noch als geschlossener, abgetrennter Raum, in dem nur die Frauen sich aufhielten, hat er sich heute in der Architektur geöffnet. Die Küche ist oft das Herzstück der Wohnung und ein Treffpunkt der Familie. Dort wird produziert, probiert, experimentiert, kreiert und zelebriert.

1980 gilt als das Jahrzehnt der Tiefkühlpizza. Die Zahl der ausländischen Restaurants verdoppelte sich in nur zehn Jahren, was auch die Folge eines Vertrags zwischen Deutschland und Italien über die Anwerbung von italienischen Arbeitskräften Ende 1955 war. Jeder wollte Parmesan, Tomaten-Mozzarella-Salat und Tiramisu.

Die Kochkultur in Deutschland nahm nach und nach ab, der Fast-Food-Trend schwappte nach Europa: Burger, Pommes, Nuggets und Mikrowellenportionen. Die Zahl der Singles wurde immer größer, und der Umsatz an Fertigessen stieg. Fast Food hat sich zwar bis heute gehalten, jedoch gibt es mittlerweile eine abgewandelte Version mit High-end-Produkten. Es gibt das klassische Fast-Food-Sortiment mit hochwertigen, frisch verarbeiteten Zutaten.

Der Trend macht Schluss mit „entweder – oder“, er vereint schnelles Essen mit hochwertig kulinarischen Speisen.

Der Gegentrend, der sich aus dem schnellen und nicht selten ungesunden Essen gebildet hat, ist „Slow Food“. Allein schon das Einkaufen der Rohstoffe soll unter keinem Zeitdruck ablaufen, und Dinge wie Tischdekoration und gemeinsames Kochen sind Merkmale dieses Trends.

Geselligkeit wird hier großgeschrieben, was laut Professor Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universitätsmedizin Göttingen, aus wirtschaftlicher Sicht wünschenswert wäre. Denn gemeinsames Essen stabilisiere das eigene soziale Netzwerk und sei von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Einbettung eines Menschen. Die Zahl der Familienmahlzeiten ist nämlich durch die veränderte Frauenrolle und verschiedene Arbeits- und Schulzeiten gesunken. Eine Studie von US-amerikanischen Forschern der Cornell University von 2015 fand heraus, dass sich Zusammenarbeit und Arbeitsleistung von Kollegen, die gemeinsam mittagessen, verbesserten. So sollte man versuchen, mindestens eine Mahlzeit mit der Familie einzunehmen.

Bewusster genießen

Der Trend „Clean-Eating“ verzichten komplett auf Produkte mit Zusatzstoffen, wie Geschmacksverstärker, künstliche Aromen und industrielle Herstellungsmethoden. Ziel des Ganzen ist der bewusste, nachhaltige Genuss von Lebensmitteln. Eine Mischung aus globalen und regionalen Produkten ist der Trend „Glocal Food“ (eine Wort-Schöpfung aus „global“ und „local“), der den Verbraucher in einen kulinarischen Urlaub schicken soll.

Ein ähnliches Konzept verfolgen Street-Food-Festivals, bei denen das Essen auf die Straßen verlegt wird, um dort die Vielfalt an Essenskulturen aus verschiedenen Länder zu entdecken und neue Leute kennenzulernen. Viele Restaurants bieten auch Speisen zum Mitnehmen („to go“) an. Der Konsum findet nicht mehr ausschließlich Zuhause oder in Restaurants statt, sondern wird immer mobiler und transparenter.

Durch das heutige Überangebot an Nahrung und die ganzjährige Verfügbarkeit von Obst und Gemüse bilden sich jedes Jahr zahlreiche neue Trends. Die Technik der Küchengeräte garantiert eine einfache Zubereitung. Noch vor rund 80 Jahren aß man das, was vorrätig war und gut sättigte. Heutzutage ist das Essen eine Sache für sich.