Jugendseite

"Wem kann man trauen?"

Wie bei jeder Bundestagswahl gibt es auch in diesem Jahr zahlreiche Erstwähler, denen am 24. September die Ehre zu teil wird, zwei Kreuzchen zu setzen. Um zu erfahren, wie interessierte Jugendliche mit dieser Situation umgehen, habe ich mich bei Bekannten umgehört. Viele von ihnen sehen der Wahl positiv entgegen.

Jugend wird überstimmt

So Benedikt, 18: "Es ist meine erste Chance mich in der Politik aktiv einzubringen, das deutsche Wahlsystem ist zwar eine repräsentative Demokratie, aber dennoch hat das Volk die Macht. Klar, die Jugend wird wahrscheinlich von den Alten überstimmt, aber deswegen nicht wählen zu gehen, halte ich für unreif. Wir müssen unsere Chancen nutzen, auch wenn sie das große Ganze vielleicht nicht verändern."

Keine Macht

Dieser Standpunkt scheint verständlich, doch der 20-jährige Torsten widerspricht: "Das Volk hat doch keine Macht. Ich meine nicht die Menschen die 'Wir sind das Volk' brüllen, sondern die Bürger allgemein. Wir haben nur das Gefühl von Macht, aber verändern werden wir nichts. Menschen über 50 werden über die Zukunft Deutschlands entscheiden, obwohl sie nur für eine begrenzte Zeit, Teil dieser Zukunft sein werden. Ich fände es hilfreicher, sich in Jugendparteien zu engagieren, da kommt mehr bei rum."

Altparteien gleichen sich an

Torsten führt weiter aus: "Unser Parteinsystem ist festgefahren, die Altparteien gleichen sich immer mehr an, so dass die CDU und die SPD nur noch in unterschiedlich hoher Stimmlage über die Themen reden. Uns allen soll es in der Zukunft bessergehen, alles scheint mit genug Engagement machbar, doch so einfach ist es dann doch nicht. Ich fand sehr passend, was ein junger Krankenpfleger neulich im Fernsehen sagte. Zwei Jahre reichen nicht aus, um all die angehäuften Probleme zu lösen, und das glaubt auch niemand mehr. Dafür sind wir durch das Internet, Aufklärung und Bildung zu intelligent geworden."

Heuchlerisch

Lea hört sich Torstens Meinung aufmerksam an und widerspricht ihm: "Ja, es mag stimmen, dass die Art wie Politiker um uns werben etwas heuchlerisch erscheint. Aber zumindest werben sie um uns.

Denn ohne das Volk sind auch sie machtlos. Sie brauchen unseren Rückhalt, denn wenn die Bürger sich zum Großteil nicht mehr vertreten fühlen, regt sich etwas. Deutschland geht es nicht schlecht. Wir haben viel Gutes, viel Sicherheit, Bildung und soziale Mobilität, wir müssen unser Potenzial nur ausschöpfen."

Zugang nicht für alle möglich

Ganz so überschwänglich kann Julia, 19, dem doch nicht entgegensehen: "Längst nicht allen ist der Zugang so ermöglicht. Meist bleibt das Wissen oder der Wohlstand im Besitz der gleichen Leute und das ist ein Problem."

Chancengleichheit

Benedikt stimmt zwar zu, aber er findet auch, dass es um Chancengleichheit und nicht um absolute Gleichheit gehen sollte: "Wir alle sind Individuen, gerade wir jungen Menschen, die sich auch noch nicht selbst gefunden haben.

Und wir wollen nur Möglichkeiten haben. Was wir letztlich daraus machen, liegt in unserer Hand."

Da pflichtet im Torsten bei: "Ja, da muss ich zustimmen, aber bis die Chancen gleich verteilt sind, dauert es noch eine gute Weile. In der jetzigen Situation scheint es nicht so, als würde sich bald etwas ändern.

Alle scheinen satt zu sein, niemand ist hungrig nach Veränderung oder Verbesserung."

Julia entgegnet: "Es gibt schon Parteien, die Veränderung anstreben, Die Linke und die AfD zum Beispiel. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Parteien einen für mich richtigen Weg einschlagen."

So geht es auch den anderen. Benedikt und Lea, die wählen wollen, wissen noch nicht so recht, wen oder was sie wählen sollen.

Überzeugt

Lea: "Klar haben wir Überzeugungen und eine Meinung, aber das Wahlprogramm der Parteien scheint es jedem Recht machen zu wollen und auch der Wahl-O-Mat ist nur begrenzt von Nutzen.

Aber das hält mich nicht davon ab, wählen zu gehen. Das kleinste Übel ist immer noch das kleinste Übel, und vielleicht kann aus einer Entscheidung die 'okay' ist, etwas Gutes werden."

Wahl-O-Mat

Benedikt ergänzt: "Der Wahl-O-Mat bietet gute Anhaltspunkte, doch ich finde 'deinwal.de' besser, die haben sich nämlich die Mühe gemacht, die Entscheidungen des Bundestags in der letzten Periode auszuwerten und mit deinem Standpunkt abzugleichen. Ich fand das sehr aufschlussreich.

Ausrede gilt nicht

Heute gilt die Ausrede 'Ich wusste das nicht' in Bezug auf Parteien und Politik nur noch selten. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, es geht darum, Informationen zu filtern und mit vertrauensvollen Quellen zu arbeiten." Julia sagt: "Aber das ist genau das, was mich überfordert. Wem kann man heute noch trauen?"

Keine zu hohen Erwartungen

"Das müssen wir herausfinden", sagt Lea. "Niemand erwartet von uns gleich beim ersten Mal alles, in unserem Sinne richtig zu machen, aber wir müssen irgendwo mal anfangen. Und ganz ehrlich, wer nicht wählt, darf sich hinterher auch nicht beschweren. Und Beschweren ist manchmal doch ganz nett."

Auf Torstens Antwort, dass er trotzdem nicht glaubt, dass seine Stimme etwas wiegt, antwortet Julia: "Ist es nicht besser, etwas getan zu haben, von dem man nicht zu 100, aber vielleicht zu 70 Prozent überzeugt ist, als etwas nicht getan zu haben und es dann zu bereuen?"