Königheim

Gegen das Vergessen Erste Gedenkstunde in Königheim zur Reichspogromnacht mit Vorstellung des Buchs „Plötzlich abgeholt“ und Plakat-Ausstellung / Dunkles Kapitel der Dorfgeschichte beleuchtet

„Ich bin Königheimer israelitischen Glaubens“

Das erste Gedenken in Königheim an die Reichskristallnacht 1938 bildete in der Aula der Kirchbergschule den Rahmen für die Präsentation des Buchs „Plötzlich abgeholt“ von Burkard Gassenbauer.

Königheim. Das Vorhaben war ambitioniert und schien von vorneherein zum Scheitern verurteilt. „Angesichts des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht hatte sich der Heimatverein auf Anregung seines Schriftleiters Burkard Gassenbauer vor etwa drei Jahren entschlossen, eine Gedenkfeier durchzuführen“, blickte der Vorsitzende des Heimatvereins, Lothar Achstetter, am Freitag in der mit über 100 Gästen voll besetzten Aula der Königheimer Kirchbergschule zurück. Mit einer kleinen Ausstellung anhand weniger Fotos und Dokumente sollte ein Einblick in die Geschichte der jüdischen Gemeinde gegeben werden. „Es wäre tatsächlich eine ganz kleine Ausstellung geworden, denn Material und Quellenlage waren äußerst dürftig“, stellte Achstetter fest. „Dies mussten auch schon die Autoren des Heimatbuchs – Helmut Kappler und Pfarrer Franz Gehrig – erfahren, weshalb im Buch nur sehr wenig über die Königheimer Juden steht und über die Kristallnacht zum 10. November 1938 sowie die Verschleppung der letzten in Königheim lebenden Juden im Oktober 1940 keine Informationen enthalten sind.“

„Trotz der schwierigen Quellenlage hielt Burkard Gassenbauer an dem Plan fest, eine Ausstellung zu konzipieren“, schilderte der Vorsitzende des Heimatvereins. „Drei Faktoren spielten ihm bei seinen umfangreichen Nachforschungen in die Karten: Internet, Digitalisierung des Archivmaterials sowie ein Umdenken bei älteren Königheimer Bürgern.“ Zu Zeiten der Entstehung des Heimatbuchs habe man über die Ereignisse während der nationalsozialistischen Diktatur nicht sprechen wollen, mittlerweile hätten die noch lebenden Zeitzeugen ihre Erinnerungen im Gespräch mit Burkard Gassenbauer geteilt.

„Schließlich hatte Gassenbauer in rund 1400 Stunden oder umgerechnet 175 Arbeitstagen so viel Informationen zusammengetragen, dass er nicht nur genug Stoff für eine Ausstellung, sondern auch für ein Buch hatte“, sagte Achstetter und stellte fest. „Das Werk ist eine wichtige Ergänzung zum Königheimer Heimatbuch.“ Neue Informationsquellen zur jüdischen Geschichte habe Thomas Weich, der das einstige Gasthaus „Zum güldenen Löwen“ erfolgreich saniert hat, erschlossen. Auch die Spurensuche vom ehemaligen Lehrer Roland Weich für Artikel der Schülerzeitung „Kirchbergschelle“ in den 1970er Jahren, das Material des mittlerweile gestorbenen Vorstandsmitglieds Rolf Barth und die Ergebnisse der Königheimer Schülerin Eva Uihlein und ihrer Mitschülerin Mareike Teichmann für eine Seminararbeit hätten wichtige Erkenntnisse geliefert.

„Geschichte ist Verpflichtung“

„Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen“, zitierte Bürgermeister Ludger Krug den Philosophen George Santayana und hob hervor: „Geschichte ist Verpflichtung, im Hier und Jetzt Verantwortung zu übernehmen“. Deshalb sei der Heimatverein mit seinem Anliegen, eine Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht auszurichten, bei der politischen Gemeinde auf offene Ohren gestoßen. „Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage mit den immer mehr aufkommenden rechtsextremen Tendenzen, genügt es nicht, sich zu erinnern. Man muss auch den Mut haben, sich für eine Gesellschaft der Vielfalt und Toleranz einzusetzen. Es darf keinen Platz für Ausgrenzung geben.“

„Es ist ein wichtiges Buch zu einem wichtigen Zeitpunkt“, hob Thomas Weich in seinem Grußwort hervor. „Es würde keine tauberfränkische Kultur geben ohne die Juden, die hier gelebt und die Region mitgeprägt haben.“ Dies sei ihm bei seinen Nachforschungen bewusst geworden. So habe ein aus Königheim geflüchteter Jude zu ihm gesagt: „Ich bin ein Königheimer israelitischen Glaubens“. Das habe ihn tief beeindruckt, denn „so wie er das sagte, passte zwischen Königheim und israelitischen Glauben kein Blatt Papier“.

Das Buch „Plötzlich abgeholt“ stellte Pfarrer Johannes Ghiraldin vor und ging dabei besonders auf die Geschehnisse von der Reichspogromnacht 1938 bis zur Deportation der letzten Juden nach Gurs, dem Vorhof zur Hölle, ein. „Die Synagoge wurde in der Reichspogromnacht zwar nicht zerstört, aber geplündert, und die Einrichtungsgegenstände wurden vor dem Gasthaus Stern verbrannt“, blickte Ghiraldin zurück. „Zudem wurden die Königheimer Juden, auch die Kinder, barfuß durch die Brehmbach getrieben.“ Dabei seien nicht nur Nazi-Schergen von außerhalb am Werk gewesen, auch Königheimer hätten sich aktiv beteiligt. Daraufhin hätten viele Juden Königheim und Deutschland verlassen. Die 13 Personen, die nicht weggegangen sind, wurden bis zur ihrer Deportation nach Gurs im Jahr 1940 über ein Jahr lang in einem Haus in der Kapellengasse eingesperrt. Insgesamt sind 25 Juden aus Königheim bekannt, die durch den Holocaust ums Leben gekommen sind.

„Das Buch ist eine umfassende, beeindruckende Chronik des jüdischen Lebens und Leidens in Königheim über mehrere Jahrhunderte“, lobte Johannes Ghiraldin, einer der profundesten Kenner des Judentums in der Region. „Beginnend mit den ersten Spuren im zwölften Jahrhundert über antisemitische Anfeindungen und eine Ausreisewelle im 19. Jahrhundert bis zum Holocaust, werden viele Fakten zusammengetragen und Lebensgeschichten spannend erzählt.“

Das Cover des Buchs ziert die Collage „Survival Struggle“ (Überlebenskampf) der amerikanischen Künstlerin Caren Sommer-Lazar. Ihre Vorfahren stammen aus Königheim. Sie und ihr Cousin Steve Miller haben mit ihren Informationen beträchtlich zum Entstehen des Buchs beigetragen. Sie konnten zwar nicht bei der Gedenkfeier dabei sein, übermittelten aber Grußworte, die Gabriele Achstetter vorlas. „Diese Veranstaltung ist für mich bitter-süß“, beschreibt Caren Sommer-Lazar ihre Gemütslage. „Als Kind hatte ich jahrelang mit dem Verlust zu kämpfen, meinen Großvater, Großtanten, Großonkel und Cousins, die Opfer des Holocausts geworden sind, nicht zu kennen. Deshalb danke ich dem Autor Burkard Gassenbauer und dem Heimatverein, dass sie meinen Vater Rolf Sommer als einen der verlorenen Söhne Königheims und die Mutter meines Cousins Steve Miller als eine verlorene Tochter von Königheim in Erinnerung bringen.“

Für die musikalische Umrahmung sorgte Geigerin Johanna Behr.