Kommentar

Danke, FC Bayern!

Michael Fürst weiß, dass die Münchner Krise eine Hilfe ist

Vor ein paar Wochen machte dieser Gag die Runde: Alle, die in diesem Jahr eingeschult werden, kennen nur den FC Bayern als Deutschen Fußball-Meister. Den total eingefleischten „Hardcore-Superduper-FCB-Fans“ zauberte diese Feststellung ein Lächeln ins Gesicht, das tiefste Zufriedenheit über die bajuwarische Hegemonie zeigte.

Kein Mensch hat allerdings über die Wirkung einer solchen Dominanz bei eben jenen jungen Fußballfans nachgedacht. Mir war diese auch nicht bewusst, bis ich am vorigen Samstag Augen- und Ohrenzeuge der Live-Übertragung des Spiels zwischen dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach wurde. Genauer gesagt: Ich habe erlebt, wie unecht sich solch eine an jenem Abend erlittene Heimklatsche für einen jungen Bayern-Fan anfühlte. Der war jetzt zwar nicht sechs, sondern sieben Jahre alt, aber gehen wir einmal davon aus, dass er während der ersten 365 Tage seines Lebens, als der BVB noch triumphierte, nicht mit vollstem Fußballsachverstand durchs Leben robbte.

Für den Steppke kam erschwerend hinzu: Sein älterer Bruder saß neben ihm, und dieser ist überzeugter Dortmund-Fan. Der hatte natürlich in jüngster Zeit von seinem Brüderchen ordentlich verbal eingeschenkt bekommen – und die Schmähungen geduldig ertragen. Vor einer Woche war der Große zudem noch wegen des fulminanten 4:3-Spektakels seiner „Nullneuner“ gegen Augsburg völlig euphorisiert. Dies zur Vorgeschichte.

Das 1:0 für Mönchengladbach, das der große Bruder mit hämischem Jubel quittierte, steckte der junge Bayern-Fan noch locker weg: „Pö. Wir gewinnen eh!“ Schon hier hätte es mir auffallen müssen. Für einen Jungen in diesem Alter ist es klar wie Klößchenbrühe, dass die Bayern immer siegen. Man kann Buben in diesem Alter gar keine Arroganz vorwerfen, weil für sie Bayern-Erfolge so normal und alltäglich sind wie der Sonnenaufgang. Sie kennen nix anderes.

Jetzt kommen Sie mir bitte nicht neunmalklug mit den Niederlagen gegen Real Madrid, gegen Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale und die gegen den VfB Stuttgart am letzten Spieltag der Vorsaison. Wenn die Champions League spielt, liegen Jungen diesen Alters längst im Bett. Sie kriegen vom Königsgekicke leider nichts mit. Ebenso war es beim Pokalendspiel, und das 1:4 gegen VfB zählte nicht mehr. Da war längst alles entschieden.

Als das 2:0 für die „Fohlen“ fiel, wurde der Blick schon etwas skeptischer. Er machte dicke Backen und blies die Luft durch spitzen Mund langsam aus. Der Siebenjährige merkte: Da stimmt etwas nicht. Soeben geriet sein Sinn, seine Wahrnehmung für Realität ins Wanken. Der finale Treffer wurde mit ungläubigem Kopfschütteln quittiert, sein Blick verriet eine enorme Unsicherheit. Manuel Neuer hält nicht jeden Ball? Robert Lewandowski haut nicht jeden rein? Thomas Müller spitzbübelt nicht dauernd im Sechzehner herum? Es muss sich für den Kleinen angefühlt haben, als würde plötzlich Wickie keine Idee zur Rettung der Wikinger haben, als bekäme der Tom nun doch Jerry zu fressen.

Deshalb: Danke, FC Bayern! Mit eurer mittelgroßen Krise erfüllt ihr einen Bildungsauftrag. Ihr helft, dass die siegverwöhnten Bayern-Fan-Bubis ein Stück mehr in der Realität des Lebens landen. Ein grenzenloses „Weiter so!“ wäre nun aber auch nicht gut. Das wäre nicht mehr real, sondern irgendwie sogar surreal…