Kommentar

Das Verhältnis stimmt nicht

Archivartikel

Michael Fürst über die Druck-Debatte vieler Profis

 

Profis lamentieren über Druck – seit Wochen werden dem Fußball-Volk Offenbarungen bezahlter Kicker kredenzt. Per Mertesacker hat mit dem unverblümten Einblick in sein Seelenleben die Türe zu einem imaginären Diskussionsforum geöffnet, an dem sich nun mehr und mehr Profis beteiligen. Er, Mertesacker, habe vor manchen Spielen solchen Druck verspürt, dass der Körper mit „Brechreiz und Durchfall“ reagiert habe.

Ex-Verteidiger Markus Babbel ließ nun im Interview mit dem Fachmagazin „kicker“ wissen, dass er beim Champions-League-Finale 1999 „froh“ gewesen sei, als Manchester United in der Nachspielzeit die Bayern noch mit 2:1 bezwungen habe – und Babbel, wer es nicht mehr wissen sollte, spielte beim FCB. Doch nicht nur die alten Haudegen lassen Fans beim Blick in ihr Seelenleben baff erstaunen, sondern auch ein junger Kicker hat sich nun im „Druck-Segment“ zu Wort gemeldet: „Druck und Anspannung sind enorm hoch, da du immer liefern musst und es immer um deinen Platz geht“, wird Serge Gnabry, Hoffenheims Stürmer, in der Club-Publikation „Spielfeld“ zitiert. Und weiter noch: „Eigentlich müsste es mittlerweile aber bekannt sein, dass wir … einer großen Erwartungshaltung begegnen.“

Ach herrjeh! An dieser Stelle sollte Zeit sein, inne zu halten und alles sacken zu lassen, wie es im Fußballer-Jargon so schön heißt.

Eines vorneweg: Ich möchte die offenkundige Problematik nicht bagatellisieren, aber das Ganze geht mir nun doch zu weit. Da fehlt mir die Verhältnismäßigkeit, und diese Druck-Debatte zeigt wieder einmal ganz eindeutig, wie extrem entrückt der Profifußball unserer Gesellschaft doch ist. Den werten Herren Profis und Ex-Berufsspielern sei an dieser Stelle verdeutlicht, dass im „normalen Berufsleben“ alle Menschen Druck-Situationen ausgesetzt sind, teils sehr extremen.

Allerdings macht das Fachmagazin das Aufnahmegerät für ein Interview bei einem Monteur erst gar nicht an, der in der Woche über 70 Stunden „schrubbt“, um sein Gewerk auf einer „Terminbaustelle“ fertig zu bekommen. Auch der muss „liefern“, lieber Herr Gnabry! Der fleißige Bäckermeister hat keine eigene Publikation, in der er öffentlichkeitswirksam jammern kann, dass die Leute nicht mehr seine Brezeln kaufen, sondern das Billig-Gebäck im Discounter und er deshalb vielleicht seinen Laden schließen und zwei Gesellen, die ihrerseits eine Familie ernähren müssen, entlassen muss. Im Verhältnis dazu fällt der von Durchfall geplagte, der vom 1:2 erlöste und der um seinen Stammplatz bibbernde Profi beim Blick auf die Kontoauszüge doch recht sanft, oder? Das heißt nicht, dass ich jemandem nicht das gönne, was er verdient. Wie erwähnt: Mir fehlt die Verhältnismäßigkeit.

Und was, das ist mir an dieser Stelle ganz wichtig, was sollen denn die Tausende Amateurfußballer denken? Wenn ein Hobbykicker des „FC Holzbein 05“ im Abstiegskampf das fünfte Spiel in Folge verloren hat, ist es für ihn auch kein Vergnügen, in der Kassen-Schlange des „Dorfsupermarktes“ zu stehen. Da darf man sich schon mal was anhören. Und den Amateur möchte ich sehen, der im vereinseigenen „Stadionheftle“ offenbart: „Der Druck im letzten Derby gegen den Ortsnachbarn war immens. Ich war froh, als der Gegner in der Nachspielzeit noch gewonnen hat.“ Der ist dann ein Weichei. Für den Profi sollen wir allerdings Verständnis aufbringen . . .