Kommentar

„Den hätte ich auch gemacht“

Archivartikel

Michael Fürst zur Selbstüberschätzung mancher Oldies

Am Mittwoch hörte ich ihn wieder, meinen „Unmöglich-Lieblingssatz“ im Fußball: Als Lionel Messi in der 75. Minute des Champions-League-Halbfinals zwischen dem FC Barcelona und dem FC Liverpool nach einem Lattenschuss von Luis Suárez den Ball sorgsam mit der Brust herunter nahm und mit dem Fuß zum 2:0 ins leere Tor schob, da sagte doch wieder einer der Bezahlfernsehen-Zugucker: „Na, den hätte ich auch gemacht.“ Peng!

Es wird ja immer jede Menge Blödsinn gebabbelt beim Gruppen-Fußball-Glotzen, und das ist auch meist witzig und gut. Unerträglich wird es immer nur dann, wenn der in der Überschrift zitierte Satz fällt und der meist bierbeseelte Absender das auch noch ernst meint – wie im oben geschilderten Fall geschehen. Zumeist ist es nämlich so: Der „Den hätte ich auch gemacht“-Fan ist zumeist deutlich sichtbar übergewichtig, hat während seiner aktiven Zeit maximal A-Liga gespielt und war während des Pass-Trainings in der Hauptsache damit beschäftigt, seine verstreuten Bälle einzusammeln. Und so einer will nun erzählen, dass er den (den von Messi am Mittwoch) auch gemacht hätte.

Dass der argentinische Super-Dribbler vorher bestimmt zehn Kilometer teils im Vollsprint absolviert hatte, wurde vom Sprücheklopfer geflissentlich unter den Tisch gekehrt. Sprich: Der „Den hätte ich auch gemacht“-Quassler wäre körperlich nicht annähernd in der Lage gewesen, genau dort zu stehen, um den von der Latte zurückspringenden Ball anzunehmen. Vermutlich wäre er mit hochrotem Kopf noch pustend hinter der Viererkette Barcelonas gestanden. Und hätte er es tatsächlich bis dorthin geschafft, wo Messi stand, wäre ihm das Spielgerät bei der Annahme mit der Brust so weit weggesprungen, dass die Balljungen hinter dem Tor in Gefahr gewesen wären.

Um es mal noch deutlicher zu sagen: So ein gepflegter Durchschnittskicker vom Lande würde in solch einem Fußballspiel aus dem High-End-Segment nicht einen, nein, nicht einen einzigen Ball bekommen. Und wenn man dann zornentbrannt versuchen würde, sich durch einen hemdsärmelig geführten Zweikampf das Runde von einem Gegenspieler zu erobern, dann müsste man, heftig schnaufend, feststellen, dass man solchen Hochglanz-Kickern wie die von Champions-League-Halbfinalisten niemals einen Ball abluchsen könnte.

Die „Den hätte ich auch gemacht“-Protze gibt es auch in der Light-Version, und zwar jede Woche auf jedem Sportplatz in hiesigen Gefilden. Hier zeichnen sie sich aber nicht durch den „Den hätte ich auch gemacht“-Satz aus, sondern durch den plumpen Spruch „Da könnte ich auch noch mitspielen“. Bei der Betrachtung und Bewertung lokaler Fußballkämpfe fällt es gewiss oft schwer, positives Vokabular zu finden. Aber die Feststellung alter, kickender Kämpen, die Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger des vorigen Jahrtausends ihre Glanzzeit hatten, man könne da heute noch locker mitkicken, ist auch voll daneben.

Die sonntägliche Erinnerung an die glorreichen Zeiten verdrängen die harte Realität: Hüftschmerz beim Treppensteigen, Knieprobleme beim Spazierengehen, Sprunggelenks-Aua beim Standfußball mit den Kindern im Garten. Wie wollte man als körperliches Wrack noch 90 Minuten rauf und runter rennen? Künftig also Obacht bei protzigen Fußball-Ansagen!