Kommentar

Erst Spieler, dann Schiri

Michael Fürst löst die Rätsel des „Spitz-Kicks“ der Vorwoche auf

Ich habe ja gewusst, dass ich mich mit dem „Spitz-Kick“ der Vorwoche auf dünnes Eis begebe, aber dass mich einer fragen würde, ob ich nun durchgeknallt sei – damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Insgesamt erntete ich viel Unverständnis, man sei anderes von mir gewohnt, okay. Da mir die Diffizilität des Inhalts bereits im Vorfeld bewusst war, habe ich ja schon gleich „Auflösungen und Übersetzungen“ angekündigt.

Letztlich war der Blick zurück zur Deutschen Fußball-Meisterschaft 1903 nicht nur eine Reise in die historisch verankerten Vorkommnisse aus der Steinzeit des Fußballs, sondern auch ein Ausflug in die Entwicklung der Sprache und deren Wandel seitdem. Wirklich wahr ist, dass Ende Mai 1903 der erste nationale Fußball-Titel ausgespielt wurde. Das Viertelfinale zwischen dem Altonaer FC 93 und dem Magdeburger FC Viktoria 96 gab es tatsächlich. Richtig ist auch das Endergebnis von 8:1. Allerdings: Der von uns abgedruckte Spielbericht ist (fast komplett) frei erfunden. Er ist letztlich Mittel zum Zweck, um äußerst rar gewordene oder sogar schon „ausgestorbene Worte“ der deutschen Sprache zu platzieren und diese damit quasi „zu reanimieren“. Eingebaut in diese „Fake News“ von vor 115 Jahren waren aber auch ein paar harte Fakten. Und los geht’s:

1: Hemden und Hosen saßen bei den Spielern recht reputierlich: ordentlich.

2: Das „Sportfeld“ ist ein veraltetes Wort für Stadion.

3: Der Trainer hatte den Gegner mehrmals ausgelugt: ausgespäht, beobachtet.

4: „Schottische Furche“: Die gab es tatsächlich. Es ist eines der frühsten überlieferten Spielsysteme, in dem die Spieler in einem 2-3-5 angeordnet waren.

5: 1-2-7-System: Auch das gab es. Hier die Erklärung: 1-2-7 In den frühen Tagen des Fußballs waren Vorwärtspässe nicht erlaubt. Die Spieler durften den Ball nur seitwärts oder nach hinten spielen, auch wenn dies dem Geist des Spiels widersprach. Mehrere Spieler bewegten sich in einer Reihe mit einer Art Angriffs-Dribbling über den Platz.

6: fallieren: schiefgehen.

7: mattherzig: halbherzig (heute oft im Amateurfußball zu beobachten).

8: elbisch: überirdisch.

9: degagiert: zwanglos.

10: inkommodieren: Unbequemlichkeiten bereiten.

11: Franz Behr: Er war bester Mann dieses Viertelfinals. Doch jetzt kommt der Clou: Franz Behr trat später im Finale als Schiedsrichter auf. Das stelle man sich heute einmal vor . . .

12: Ottomar Aßmus: Er spielte nicht bei Altona, sondern beim späteren Deutschen Meister VfB Leipzig (7:2 gegen DFC Prag!!!).

13: luderig: schlampig.

14: barbiert: rasiert.

15: Arbeitersekt: Mineralwasser.

16: Darob: Deswegen.

17: Salopperien: Nachlässigkeiten (wurden damals schon bestraft).

18: klüglicher: nach sorgfältiger Überlegung.

19: Hans Adam: Er war tatsächlich der Torschütze des einzigen Magdeburger Tores zum zwischenzeitlichen 1:4.

20: blessieren: verletzen.

21: Unband: ein nicht zu bändigendes Kind.

22: pläsierlich: vergnüglich.

23: Miklós Bradanovic: Er erzielte beim 8:1 einen „Doppelpack“.

24: Ferdinand Hueppe: er war 1903 Präsident des DFB.

Wer noch weitere „ausgestorbene Worte“ finden möchte, dem empfehle ich das Buch: „Versunkene Wortschätze“, Dudenverlag Berlin, 2016.