Kommentar

Im Lästern unschlagbar

Paul v. Brandenstein

Es ist schon fast ein Ritual: Sven, Matze, Rainer, Ralf und Biggi schauen Champions League und Euro League immer zusammen. Und zwar bei Sven. Der hat den allseits bekannten Bezahlsender abonniert und lädt dann immer seine Freunde ein. Wenn gespielt wird, dann sogar drei Mal die Woche: Dienstags, mittwochs und donnerstags.

In der Vorsaison waren die "Zamme-Gucker" sogar noch zu sechst. doch Freddy hat gewissermaßen den Bettel hingeschmissen. Ihm ist alles zu viel geworden. Nicht der zeitliche Aufwand, sondern das ganze Gedöns rund um den Spitzenfußball. Die Ablösesummen stören ihn, der Kommerz, der Protz, und, und, und...

Verstehen können sie ihn alle, doch auf ihre geliebten TV-Fußballabende wollen sie nicht verzichten, der Sven, der Matze, der Rainer, der Ralf und die Biggi.

Es läuft immer gleich ab. Zumindest fast immer. Schon anderthalb Stunden vor Spielbeginn treffen sie sich. Dann gibt es zunächst einmal ein zünftiges Vesper. Und dabei wird das erste Bier aufgemacht. Biggi trinkt allerdings "nur" Radler. Naturtrüb. "Das prickelt so schön beim Trinken", sagt sie. Die anderen Vier können das nicht wirklich nachvollziehen. "Radler gibt's bei uns in der Kreisliga nicht."

Natürlich sind sie alle echte Fußballfans. Und jeder hat "seine" Lieblingsmannschaft. Die spielen aber nicht (mehr) in der Champions League, auch nicht in der Europa League. Manche spielen gar nicht mehr in der Bundesliga, wie 1. FC Kaiserslautern, der SV Waldhof Mannheim oder gar 1860 München (oje oje).

Weil sie also "vereinstechnisch" nicht direkt involviert sind, können sie recht unvoreingenommen "zamme Fußball gucken". Und da das eine oder andere Bierchen ihnen die Zunge gelockert hat, fangen sie schon recht früh mit dem Lästern an. Lästern über die Vereine, die derzeit viel besser sind als ihre "eigenen". Vielleicht kann man es auch Neid nennen.

"Die Bayern. Die Bayern spielen derzeit noch viel schlechter als unter Ribbeck oder unter Trapattoni", sagt Sven. "Da schlafen einem ja die Füße ein", fügt Matze hinzu. Und als Monsieur Ribery nach seiner Auswechslung wutentbrannt sein Trikot auf den Boden schleudert, ist Rainer vollkommen außer sich. "So etwas würde es bei uns nicht geben. Den würden wir rausschmeißen. Auf der Stelle."

Und dann die Leipziger. Leiden kann die eh keiner aus der Runde. "Das wollen Bullen sein? Die spielen gegen Monaco doch lediglich wie graue Mäuse. Denen fehlt doch der Mumm".

In der deutschen Konferenz ist dann Dortmund dran. Und da patzt Keeper Bürki gleich zwei Mal. Ralf lacht sich fast kaputt: "In Saarbrücken gibt's 'ne Kneipe. Die heißt 'Das kurze Eck'. Da müsste der Bürki mal Wirt sein. Da soll er zeigen, was er kann."

Am nächsten Abend schauen sie wieder zusammen. Dieses Mal ist die Euro League dran. Hoffenheim verliert gegen Braga. Biggi regt sich total auf: "Typisch Hoffe. Gewinnen zuerst gegen die Bayern und lassen sich dann von Braga den Arsch aufreißen. Der Nagelsmann muss halt noch viel lernen."

Danach Hertha. Zum Vergessen. Und die Domkicker aus Kölle haben in London nach der Pause keine Chance mehr. Und bei aller Lästerei: Am Ende sind unsere fünf TV-Glotzer doch ziemlich traurig, dass es nur einen einzigen Sieg gegeben hat. Deshalb machen sich sich selbst Mut: "In zwei Wochen wird's besser . . ."