Kommentar

Kaum WM-Vorfreude

Archivartikel

Paul v. Brandensteins Begeisterung hält sich *** *** (noch) in Grenzen

Die Fußball-Saison 2017/18 neigt sich dem Ende zu. Was jetzt noch kommt, ist die WM. Seit 1970 habe ich alle Weltmeisterschaften verfolgt – und zwar wirklich von vorne bis hinten. Jedes Mal war ich schon wochenlang voller Vorfreude und konnte es kaum erwarten, bis endlich das Eröffnungsspiel endlich angepfiffen wird.

Und dieses Mal? Von Vorfreude kann bei mir derzeit überhaupt keine Rede sein. Noch nie war mir eine WM anderthalb Wochen vor ihrem Beginn so etwas von wurscht. Warum das so ist, kann ich mir offen gesagt auch nicht so ganz erklären.

Vielleicht liegt es wirklich daran, dass ich – wie so viele andere Deutsche auch – vor vier Jahren den „ultimativen persönlichen WM-Moment“ erlebt habe. Was am 8. Juli 2014 zwischen 22 und 23.50 Uhr passiert ist, kann überhaupt nicht mehr getoppt werden. Deutschland gegen Gastgeber Brasilien 7:1. Unglaublich. Unvergesslich. Unauslöschlich. ZDF-Kommentator Béla Réthy hat es damals auf den Punkt gebracht: „Wahnsinn, Waaahnsinn, was geht denn hier ab!? Was geht denn hier ab!? 5:0! Deutschland – Brasilien, 5:0. Es ist wahr, Sie träumen nicht, es ist der 8. Juli 2014.“ Etwas Besseres als damals kann einem Fan einer Mannschaft, und der war ich natürlich wie fast jeder Deutsche auch, überhaupt nicht mehr passieren. Es waren Momente für die Ewigkeit. Eine weitere Steigerung ist ausgeschlossen. Definitiv.

Vielleicht aber liegt die derzeit bei mir nicht vorhandene Vorfreude auch an den vielen unschönen Begleiterscheinungen, die bei uns Fußballfans nur Dauer-Kopfschütteln hervorrufen. Manchmal kann ich die Hardcore-Fans, die in den Stadien minutenlang „Scheiß DFB“ skandieren, sogar verstehen. Helene Fischer hat’s uns beim DFB-Pokalfinale 2017 unfreiwillig vor Augen geführt: Vielen Funktionären ist das, was neben dem Platz geschieht, wichtiger als das, was auf dem Platz passiert.

Vielleicht habe ich aber auch nur Angst vor den stundenlangen Diskussionen über den Video- Beweis. Deutschland hat mit Sicherheit mit die besten Schiedsrichter auf der ganzen Welt. Doch selbst die haben sich in der vergangenen Saison beim Video-Beweis immer wieder bis auf die Knochen blamiert. Natürlich war es so, dass viele richtige Entscheidungen gefällt und falsche korrigiert worden sind. Keine Frage. Aber es wurden halt auch viele nicht nur fragwürdige, sondern auch definitiv falsche Entscheidungen getroffen, weil eine klare Linie überhaupt nicht zu erkennen war. Wie soll das nun bei der WM werden, wenn vielleicht irgendwelche unerfahrenen Video-Richter aus Grönland oder den Molukken plötzlich ein Mitspracherecht besitzen. Schon beim Gedanken daran wird mir angst und bang.

Vielleicht liegt mein Argwohn aber auch am Gastgeber selbst. Die Russen haben vor vier Jahren bei den Winterspielen in Sotschi der ganzen Welt bewiesen, dass sie sich um „Fairplay“ einen Dreck scheren. Damit meine ich nicht die Bürger und Sportfans des Landes, sondern die Politiker und Sportfunktionäre, die das staatliche Doping angeordnet und organisiert haben.

Vielleicht aber liege ich ja auch in allen Punkten total falsch . . .

Liebe Sportfans, der „Spitz-Kick“ geht jetzt erst einmal in die Sommerpause. Mit Beginn der Amateur-Saison werden wir dann wieder für Sie da sein.