Kommentar

Oberstes Gebot: verständnisvoll

Michael Fürst zu den neuen Fähigkeiten, die Trainer haben müssen

Gute Trainer in Kreisligen und Kreisklassen – das sind Männer mit natürlicher Autorität, bei denen sich fußballerischer und taktischer Sachverstand vereint; es sind gestandene Alt-Fußballer, die aus ihrer aktiven Laufbahn Erfolge vorzuweisen haben. Gute Trainer in den unteren Amateurklassen handeln mit harter Hand, sagen dem Vorstand, welche Spielertypen sie unbedingt noch für ihre Mannschaft benötigen und welche sie gleich wegschicken können, weil sie eher zum Eiskoffertragen taugen als zum Fußballspielen.

Gute Kreisklassen-Trainer sind Typen mit Ecken und Kanten, die sich nicht scheuen, einzelne Spieler vor der Mannschaft zusammenzufalten; die Kommunikation ist mitunter durch martialisches Vokabular geprägt. Klare Ansagen. Es sind Kerle, die sich nicht reinquatschen lassen, die ihre Mannschaft nach Niederlagen so lange durch den Wald jagen, bis sie jeden Baum am Wegerand einzeln kennen. Es sind Kameraden, die im Sommer bei den Ausdauerläufen pfeifend mit dem Fahrrad neben der keuchenden Mannschaft herfahren und die Spieler mit erniedrigenden Worten antreiben.

Denkste! Das war einmal. Heute zeichnen sich gute Übungsleiter in Kreisligen und Kreisklassen durch ganz andere Attribute aus.

Gute Trainer lassen die Mannschaft während der Vorbereitung erst einmal gar nicht durch den Wald rennen. Das könnte anstrengend sein und schon vor der Saison dazu führen, dass manche Spieler überlegen, mit dem Fußball aufzuhören. „Wir haben einen super Trainer. Der macht in der Vorbereitung alles mit Ball.“ Solche Sätze von Spielern charakterisieren heutzutage einen „guten Trainer“. Die Jugend möchte bespaßt sein.

Gute Amateur-Trainer meiden klare Ansagen, weil sonst einer aus der Truppe schnell beleidigt sein und mit Vereinswechsel drohen könnte. Kuschel-Kommunikation statt wuchtiger Worte. Am besten ist sowieso, wenn alles nur noch übers Handy mitgeteilt wird. Ach so: Ein guter Trainer muss in diesen Tagen WhatsApp-Gruppen als Administrator gründen und führen können und die Spieler unter der Woche mit wahnsinnig witzigen Mini-Videos unterhalten. Das gehört heute einfach dazu.

Gute Trainer stellen nicht nach den Eindrücken der Übungseinheiten auf. Nein, gute Trainer müssen aus zweierlei Gründen einfach jeden Spielen lassen: 1. Oft sind erst gar nicht mehr als elf Mann zum Spieltag da. 2. Wenn einer zu oft auf der Bank sitzt, wird er bald gar nicht mehr kommen. Deshalb muss der Trainer auch auf Schlechte und ganz Schlechte bauen, weil recht rasch Fall 1 eintreten kann.

Gute Trainer, und das ist in der Gegenwart das allerwichtigste, gute Trainer müssen verständnisvoll und stets freundlich sein:

„Ich kann nicht ins Training kommen, weil die Großcousine Flöten-Vorspiel hat.“ „Klar, kein Problem. Hör’ gut zu.“

„Muss heute noch mal bei meiner neuen Katze bleiben, weil die Eingewöhnungszeit doch länger dauert als erwartet.“ „Logo. Pass gut auf sie auf.“

„Ich fehle beim Trainingslager, weil ich da mit meinen Kumpels auf einem Festival bin.“ „Klasse, da lasst es mal krachen.“

„Trainer, ich muss pausieren. Verspüre ein Unwohlsein im Knie.“ „Ach Gottchen, leg das Beinchen hoch, dass du bald wieder rennen kannst.“

Wie sich die „guten Trainer“ doch verändert haben.