Kommentar

Salbader erster Klasse

Archivartikel

Michael Fürst über den Traum, den „Stars“ so nahe zu sein

 

Kürzlich war es wieder so weit: In der Kneipe, beim Bier, sagte ein junger Mann zu mir: „Mensch, du hast es halt gut. Jeden Samstag in einem anderen Bundesliga-Stadion und immer so nahe dran an den Stars. Das muss doch einfach geil sein, oder?“ Als ich nicht gleich freudestrahlend mit „ja“ antwortete, schaute er mich mit großen Augen an. Eines vorweg: Ja, Sportjournalist ist ein klasse Job, wirklich. Allerdings gibt es auch hier eine innere und äußere Wahrnehmung. All die Bundesliga-Stadien – ja, toll. Aber all die vermeintlichen Stars…? Na ja.

Das Schlimmste ist bei den meisten – nicht bei allen – der Salbader nach den Spielen. Die Beispiele sind mannigfaltig: Berlin. Hertha gegen Hoffenheim. 1:1. Gähnkick. Ich wetze runter in die sogenannte „Mixed Zone“, in den Bereich also, in dem Journalisten mit Spielern, den sogenannten Stars, sprechen dürfen. Ich bitte einen TSG-Spieler um seine Einschätzung zum Spiel, und es kommt: „Na ja, wir hatten uns viel vorgenommen, aber wir konnten es nicht so umsetzen.“ Puh. Da krieg’ ich schon einen Würgreiz. Es ist also tatsächlich so, dass sich Fußballprofis für ein Bundesligaspiel „viel vorgenommen“ haben. Das ist natürlich eine Message. Wow. Es folgt meine Nachfrage, warum es nicht gelungen sei, das Vorgenommene so umzusetzen, wie gewünscht. Antwort: „Das weiß ich jetzt auch nicht, das müssen wir erst analysieren.“ Der „Star“ ist genervt, sagt noch geheuchelt höflich „danke“ und schlappt in die Kabine. Klasse.

München. Hoffenheimer Gastspiel bei den Bayern. Mit 2:5 gibt es für die TSG auf die Mütze. Drei Spieler kommen, und alle drei beginnen ihr Sprüchlein mit: „Es war das erwartet schwere Spiel.“ Aha. Das ist natürlich auch so ein Knaller-Statement. Ich war mir bis zu diesem Zeitpunkt nie und nimmer bewusst, dass das Gastspiel beim Rekord- und Serienmeister ein schweres Spiel sein könnte. Wahnsinn. Spätestens hier dürfte der eine oder andere verstehen, warum ein geschätzter Kollege kürzlich jene berüchtigte „Mixed Zone“ als „Raum der sinnfreien Reden“ bezeichnete.

Aber ich will nicht nur auf den Spielern rumhacken. Es gibt natürlich auch Trainer, deren Phrasen-Truhe prall gefüllt ist und die dort vor allem vor Spielen gerne voll hineingreifen. Huub Stevens ist richtig grausam: „Tore verhindern ist leichter als Tore schießen.“ Dieser Satz hatte für den Niederländer ein solches Gewicht, dass er ihn vor jedem Spiel sagte und dabei noch verachtend grinste. Was alle Coaches gerne mit weltmännischem Gesichtsausdruck artikulieren, ist: „Ich hoffe, dass wir etwas Zählbares mitnehmen.“ Ja, Himmelherrschaftszeiten! Profis hoffen, dass sie ein Pünktchen holen. Irre. Angebracht wäre doch vielmehr: „Unsere Pflicht ist es, dort drei Punkte zu holen.“

Dann gibt es da noch das Ärgernis der Interviews: Wer glaubt, dass das, was in der Zeitung steht, so auch gesagt wurde, der irrt – zumindest in den meisten Fällen. Die Vereine behalten es sich nämlich vor, Interviews zu „autorisieren“. Hier geht es presserechtlich darum, Verständnisfehler beim Transport vom Sprach- ins Schriftdeutsch zu vermeiden. Stattdessen erhält man aber oft völlig veränderte Inhalte. Der „Playboy“ war kürzlich so konsequent, und hat ein Interview mit Ralf Rangnick nicht abgedruckt, weil die autorisierte Fassung etwas ganz anderes darstellte als das, was der „Professor“ eigentlich gesagt hatte. Das war Konsequenz im Traumberuf.