Kommentar

„Tunnel“ rettet deutsche Ehre

Archivartikel

Michael Fürst über Fußball-Erkenntnisse aus dem Urlaub

Es mag gewiss eine Überinterpretation vorliegen. Aber das WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft in Russland hat die Fußball-Sinne wieder geschärft, und so galt es, in einer Ferienanlage auf Mallorca genau hinzuschauen, als an einem Abend das Flutlicht am Kunstrasenplatz anging und sich dort Kinder zwischen sieben und 14 Jahren zum Kicken versammelten. Halbstarke aus Deutschland und Möchtegerns aus England mischten sich in zwei Teams.

Eine Gaudi war bereits das „Vorspiel“. „Was heißt: Ich gehe nicht ins Tor auf Englisch?“, fragte ein Lulatsch in die Runde. Für solch eine Frage hätte das Schul-Englisch eigentlich genügen sollen. Zunächst wurden die Lieblingsmannschaften ausgetauscht: „Man City“, sprach der kleine Adam stolz. Ein deutscher Junge war erstaunt und fragte sachte: Why not Liverpool? Klopp is cool.“ „Klopp?“, antwortete Adam barsch, „Klopp is rubbish!“ Dass die meisten Deutschen verstummten, weil sie nicht wussten, dass „rubbish“ Müll heißt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Und los: Schon nach wenigen Minuten war ersichtlich, dass die meisten Jungs aus dem Königreich einen Ticken flotter, fixer, forscher waren als die Deutschen, von denen viele zunächst ausschließlich mit ihren gefälschten Trikots des FC Bayern, von Borussia Dortmund, des FC Barcelona und eben des FC Liverpool glänzten. Die Engländer wollten Fußball spielen, die Deutschen halt ein bisschen kicken – wie bei der WM eben. Gut, dass die Teams gemischt waren, sonst wäre „Deutschland“ gegen „England“ schon nach 20 Minuten aussichtslos hinten gelegen.

Da bei solch einem Kick viele Tore fallen, gab es oft Anstoß. Eröffnete ein Deutscher das Spiel neu, wurde immer nach hinten gespielt, meist bis zum Torwart. Hatten Engländer die ersten Ballkontakte, ging es gleich in vollem Karacho ab nach vorne. Da machte das Zuschauen Spaß. Und während sich, schau an, schau an, die Engländer aus prekären Situationen meist spielerisch befreiten und den Ball „von hinten heraus“ mit Pässen nach vorne bringen wollten, pflunzten die Deutschen viel zu oft die Pille blind nach vorne. Für das schnöde „Kick and Rush“ wurden die Königreich-Kicker Jahrzehnte lang belächelt; nun machen sie unserem Nachwuchs am Ball dermaßen etwas vor, dass man befürchten muss, das germanische Fußball-Dilemma hat 2018 nicht seinen Höhepunkt erreicht, sondern erst begonnen.

Dass der deutsche Keeper (13) mit dem ter-Stegen-Trikot und den feschen Torwarthandschuhen nach dem Spiel plärrend vom Platz lief und tatsächlich von seinen Eltern getröstet werden musste, war auch nicht gerade ein Zeichen von Stärke, das die Engländer für die Zukunft in Angst und Schrecken versetzt.

Einen Lichtblick gab es auf deutscher Seite dann doch noch: Den kecken Siebenjährigen mit der Sportbrille und dem Müller-Trikot der Bayern, der jüngste Teilnehmer an diesem Spiel, hatten alle Engländer gleich ins Herz geschlossen. Sie feierten den Dreikäsehoch stets mit langgezogenen „Muuuler“-Rufen und versuchten, ihm unbedingt ein Tor aufzulegen. Doch der „End-Bambini“ versemmelte klarste Dinger – bis kurz vor Schluss, als er den Ball aus einem Meter doch noch über die Linie drückte. Der kleine Deutsche war nun der King, auch bei den Deutschen, weil er nach dem Spiel stolz meinte: „Ich glaube, ich habe den Torwart sogar noch getunnelt.“