Kommentar

Ungerechte Gerechtigkeit

Paul v. Brandenstein *** ** über die Video-Schiris * in der Bundesliga

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich persönlich bin eigentlich ein Befürworter des Video-Beweises im Profi-Fußball. Zumindest in der Theorie. In der Vergangenheit hatte es einfach zu viele Entscheidungen gegeben, die sich bei genauerem Hinsehen als falsch entpuppt haben und die mit einem Videobeweis (wenn es ihn damals schon gegeben hätte) leicht zu korrigieren gewesen wären.

So weit, so gut. Oder besser gesagt: Doch nicht ganz gut. Wie der Video-Beweis derzeit in die Tat umgesetzt wird, gefällt mir nämlich überhaupt nicht. Und offensichtlich nicht nur mir, wie viele Gespräche und Diskussionen mit Fußballfans in den vergangenen Tagen und Wochen gezeigt haben.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde uns Fußballfans mehr oder weniger glaubhaft versichert, dass die Video-Entscheider in Köln nicht die Möglichkeit hätten, bei etwaigen Abseitsfällen auf die so genannten kalibrierten Linien zuzugreifen. Das hat man dann halt so hingenommen, auch wenn sich die technische Begründung doch mehr wie eine Ausrede angehört hat.

Und nun? Kalibrierte Linien sind überhaupt kein Thema mehr. Die Video-Schiedsrichter entscheiden trotzdem. Und sie entscheiden offenbar einfach so, wie sie gerade wollen. Mal ja, dann mal wieder nein. Es sieht schlicht und einfach nach Willkür aus. Ein Paradebeispiel dafür lieferte der 28. Bundesliga-Spieltag. Während sich in der HDI-Arena in Hannover die 96-Spieler nach dem vermeintlichen Ausgleich gegen die „Brausekicker“ aus Leipzig noch jubelnd in den Armen lagen, hoben die Video-Pfeifenmänner in Köln in einem Anflug von großspuriger Rechthaberei den Finger und sagten „Abseits“. Beim mehrmaligen Studium der Zeitlupenaufnahmen – mit und ohne kalibrierter Linie – kann man zumindest nicht ausschließen, dass sich der Hannover-Angreifer ein paar Zentimeter im „verbotenen Raum“ befunden haben könnte. Eine offensichtliche Fehlentscheidung, die nun korrigiert werden müsste, war dies auf alle Fälle aber nicht.

Am Abend fand dann der deutsche „Classico“ zwischen dem FC Bayern und dem BVB statt, der die Kräfteverhältnisse an der Spitze des deutschen Fußballs eindeutig dokumentierte. Auch hier gab es in der Anfangsphase zwei Situationen, die (zumindest in der Zeitlupe) minimale Abseitsstellungen entlarvten. In beiden Fällen sogar deutlicher als ein paar Stunden zuvor in Hannover. Und was passiert? Einmal wird das daraus resultierende Tor zurückgenommen, einmal nicht.

Was zeigt uns das? Wir wissen jetzt, dass die uns vorgegaukelte Gerechtigkeit in Wirklichkeit ungerecht ist. Wir wissen, dass da Leute in Köln sitzen, die die Macht haben, Entscheidungen einfach so korrigieren zu können. Wir wissen aber auch, dass sie es halt nicht immer tun.

Mit offensichtlichen Fehlentscheidungen befassen sich die „Rechthaber“ gar nicht mehr. Warum wurde am vergangenen Spieltag der Schiedsrichter in Köln nicht korrigiert, als er eine Situation völlig falsch eingeschätzt hat und den Mainzer Donati für ein Brutalo-Foul lediglich mit der Gelben Karte verwarnte? Warum darf der Schalker Naldo den Ball ungestraft mit der Hand ins Tor befördern? So gesehen ist Fußball sogar ungerechter geworden. Schade eigentlich.

Wenn ich jetzt schon mal an die WM in Russland denke, wird mir angst und bange.