Krautheim

Heimatdichter Rudolf Stephan Weber wäre 125 Jahre alt Sein Wirken galt dem malerischen Jagsttal, seine Liebe der Heimatstadt Krautheim und den Bauern

„Auf dem Waagebalken von Freud und Leid“

Krautheim.Der am 12. August 1953 verstorbene Mundartdichter Rudolf Stephan Weber wäre am 12. Juni des gerade vergangenen Jahres 125 Jahre alt geworden. Von seiner Tochter Ruth Mikkelsen und seiner Enkelin Monika Krüger-Sauermann gingen uns aus diesem Anlass folgende Zeilen zu:

Von 1931 bis 1933 war er Bürgermeister der Stadt Krautheim, bevor er – unter politischem Druck – sein Amt niederlegen musste. Bis dahin hatte er in seiner Heimatstadt durch die Veröffentlichung zahlreicher Mundartgedichte, aber auch durch die Inszenierung von Theater- und Musikstücken – wie „Wilhelm Tell“ „Freischütz“ und „Passion“ (er wirkte aktiv mit – nicht nur bei der Gestaltung der Kulissen) – viel zur kulturellen Entfaltung beigetragen.

1945, beim Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte, wurde Rudolf Stephan Weber trotz angeschlagener Gesundheit wieder zum Bürgermeister der Stadt Krautheim eingesetzt. Während des Dritten Reiches hatte er in der damaligen Presse keines seiner Gedichte veröffentlicht.

Nach 1945 schrieb er nicht nur zahlreiche Mundartgedichte, sondern auch ein Theaterstück – „Cunrad von Crutheim“ – das 1948 in Krautheim uraufgeführt wurde. Darüber hinaus zählen Postkarten mit Heimatmotiven (Federzeichnungen) sowie Aquarelle und Ölgemälde zum künstlerischen Schaffen des Sohnes der Stadt Krautheim.

Sein dichterisches Wirken galt dem malerischen Jagsttal, seine Kraft, seine große Heimatliebe, Krautheim – den Bauern, deren Alltag er in vielen sinnigen Gedichten einband. Er war der Poet, der dem Volk auf den Mund geschaut hat. Sein Leben war Pflichterfüllung. Heimattreue, Mahnung und tätige Nächstenliebe.

In seinem dichterischen Schaffen hat Rudolf Stephan Weber ein Zeugnis seiner glühenden Heimatliebe hinterlassen: „Die Harnet isch in meinem Herzen e helli Glut; schi isch e Glut, wu leucht bis an mei End. Schi isch e Glut, die langsam mich verbrennt!“

Mit dem Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart setzte er sich in seinem „Monolog“ auseinander: „Wir sind heute so arm, nicht weil wir kein Geld haben oder Devisen, sondern weil wir keine Zeit mehr haben. Ich hätte in einer Zeit leben mögen, wo dies noch anders war. Als man beim Tagwerden den Torschlüssel noch beim Amtmann abholen musste, wenn der erste Bauer mit seinem Ochsengespann zum Futterholen vor dem Stadttor hielt. Ganz früh also hätte ich gerne dem Nachtwächter seine Lampe ausgeblasen, hätte ihn begleitet, wenn er zum Rathaus ging, um den Bericht zu machen. Dass in der Traube zwei Fuhrleute aus Hall, die Salz für Würzburg geladen hatten, über die Zeit gesessen und wegen Störung der Nachtruhe festgenommen werden mußten. Daß ferner um Mitternacht ein Feuer entstanden, weil dem Bäck in der Judengasse ein brennend Backscheit aus dem Ofen gefallen und ein Stoß Näpfe angebrannt habe.

Daß ein Reiter aus Oberndorf um 1 Uhr Einlaß verlangt und von ihm zum Medicus geführt worden sei, weil sein Weib in Nöten wäre. So hätte ich gerne von Haus zu Haus schlendern mögen, wenn es dämmerig wurde im Städtlein. Hätte dem Küfer geholfen sein Spanfeuer anblassen und auch dem Nagelschmied daneben den Blasebalg gezogen. Dann wäre ich beim ersten Läutzeichen zum Pfarrherrn gelaufen, der heut im Schlosskirchlein ein Jahrtagsamt für die Herrschaft liest, hät ihm gedient und hätt meinen Krapfen aus der Küche abgeholt. Auf dem Heimweg hätt ich auf dem Plan den ersten Marktweibern die Gurkenkörbe auspacken helfen und hätt mir die ersten rotbackigen Erntäpfeln verdient. Dann aber wär ich heimgestürmt und hätte den geschmelzten Haferbrei mit dem Vater zusammen hineingelöffelt und wär an dessen Hand bis zum Amtshaus mitgelaufen. Dort hätt ich gewartet, bis die Reißigen aus dem Burghof kommen, wenn sie, die Pferde zu bewegen draußen am Haag, im Schritt, Trab und Galopp die Tiere über die Hürden zwingen. Hätt ihnen die Holzlanzen aufgehoben, die ihnen beim Üben herabfallen und hätt dafür stölz durchs Tör und das ganze Städtlein heimreiten dürfen. Doch halt! Da hätt ich wohl auch die bösen Tage von damals miterleben müssen! Jetzt fällt mir ein, dass auch zu jener Zeit, das Leid neben der Freude in des Gäßlein und hinter den Fachwerkgiebeln lauerte... Da hätt ich den bösen Bauernkrieg erlebt, hinter den geschlossenen Toren den Hunger, als das Getreide im Abnehmen war, den Durst, als die belagernden Bauern das Wasser abgegraben hatten, so dass Mensch und Tier am Verschmachten waren. Und den Aufruhr, als nach langem Flehen die Bürger die Amtsleute zwangen, die Tore zu öffnen auf Gnad und Ungnad.

Ich hätte die Plünderung erlebt und die Untaten der Betrunkenen. Den Brand, der im Schloß begann und dann die Häuser der Amtsleute am Plan samt dem Rathaus in Schutt und Asche legte. Ich hätte erlebt, wie aus friedlichen Bauern Bestien und Mörder werden können, aus treuem Gesinde Überläufer und Verräter.

Vielleicht hätte ich auch die Not und das Elend des 30jährigen Krieges erlebt, die Schandtaten der Schweden und die Quälereien der fremden, entmenschten Söldner. Die Teuerung, Hungersnot und Armut: Die Furcht vor der Pest, die in Altkrautheim zwei Drittel der Bevölkerung hinraffte in 30 Tagen.

O ich nehme meinen Wunsch zurück! Damals stand unsere Heimat wie heute auf dem Waagebalken von Freud und Leid. Immer wird es so sein, solange die Liebe mangelt, der Hochmut die Welt beherrscht und die Lüge wandert von Volk zu Volk.

O Heimat, noch einmal kannst du Schützerin sein vor den Raubrittern der Gegenwart, Eigennutz und Gottlosigkeit! Laß deine Farben, das Rot der Nächstenliebe, das Weiß der Sittenreinheit und das Grün der gläubigen Hoffnung hinausflattern im Herbstwind, als ein Zeichen, dass hier schon Friede geworden , weil die Menschen dieser Stadt guten Willens sind.“ mem