Kreuzwertheim

Schulmuseum in Lohr am Main Sonderschau ergänzt bis zum 16. Dezember die Ausstellung „Erziehung zum Europäer“

Umgang der Schule mit Flucht und Vertreibung

Als Ergänzung beziehungsweise Vertiefung der Sonderausstellung „Erziehung zum Europäer“ zeigt das Lohrer Schulmuseum bis 16. Dezember die Sonderschau „Flucht und Vertreibung“.

Lohr. Mit Hilfe von Schulbüchern, Wandbildern und Augenzeugenberichten wird das Thema schwerpunktmäßig im 20. Jahrhundert aufgezeigt. Dabei stellen die Verantwortlichen folgende Fragen an den Besucher: Was wurde aus der Geschichte gelernt? Was hat über 60 Jahre Europa-Erziehung gebracht? Wie geht Schule mit dem Thema um?

Waren es nach dem Zweiten Weltkrieg in erster Linie Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten, die in der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden, kommen heute Flüchtlinge nach der neuesten Statistik (August 2018) des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorwiegend aus Syrien, Irak, Türkei, Iran, Afghanistan und Afrika. „Die Vorbehalte, mit denen Flüchtlinge konfrontiert wurden und werden, haben sich jedoch kaum geändert“, schreibt Museumsmitarbeiterin Bettina Merg in der Ankündigung.

Anne Walter, geborene Sgraja, die 1945 die Flucht aus Oberschlesien als Kind miterlebt hat und seit 1947 in Lohr wohnt, kann sich noch gut an viele Erlebnisse von damals erinnern: „Im Februar 1945 bei eisiger Kälte flohen meine Mutter, mein Bruder und ich vor der russischen Armee, die nur noch zehn Kilometer von Ottmachau (Heimatort der Familie Sgraja in Oberschlesien) entfernt war. Über die südliche Route erreichten wir mit dem letzten Personenzug Iglau in der Tschechei. Dort besuchte ich für kurze Zeit eine Schule. Die Kinder ließen mich nicht in ihre Schulbücher schauen und bewarfen mich mit Steinen. Ende Mai/Anfang Juni flohen wir weiter nach Bayern und kamen in Miltach in ein Sammellager. Dort schliefen wir auf Strohsäcken, die auf dem Boden lagen, zusammen mit 27 anderen Personen in einem Raum. Zum Essen kochten wir uns Brennnesselsuppe, geklaute Kartoffeln und Wasserrüben. Aufs Klo gingen wir hinter in die Büsche am Hang. Unterhalb davon floss der Regen, in dem ich mit neun Jahren schwimmen gelernt habe.“

Gastfreundschaft erfahren

Allerdings durfte die damals neunjährige Anne auch so etwas wie Gastfreundschaft erfahren. So hat sie heute noch Kontakt zu einer bayerischen Familie, die ihnen damals Unterkunft gewährt hat, und deren älteste Tochter sogar Firmpatin von Anne wurde.

Als Annes Vater, Ludwig Sgraja, 1946 nach seiner Flucht aus Polen schließlich seine Familie in Miltach wiederfindet, versucht er, mit selbst geschnitzten Holzschachteln etwas Geld zu verdienen. 1947 kommt die Familie nach Lohr, wo er beim Aufbau der Straßenmeisterei mitarbeitet. Die Sgrajas bewohnen nun zwei Dachzimmer über der Straßenmeisterei. Allerdings hatte man anfangs kein fließendes Wasser und kein WC in der Wohnung, sondern im Hof. Man war bei der damaligen Wohnungsnot aber froh, überhaupt wieder etwas Eigenes zu haben.

Obwohl viele Flüchtlinge nicht mit offenen Armen empfangen wurden – sie kamen in ein zerstörtes Land, in dem die Einheimischen kaum genug zum Überleben hatten - fand Anne schnell Anschluss in ihrer neuen Heimat und gewann viele Freundinnen. Sie fühlte sich gut aufgenommen und kann sich nicht an Schikanen oder Ausgrenzungen erinnern. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass von den zirka 14 Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg flüchteten oder aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden, unzählige auf unmenschlichste Weise misshandelt wurden und etwa zwei Millionen von ihnen dabei zu Tode kamen.

Die Flüchtlinge, die diesen Schrecken entkamen, fanden damals Unterkunft in notdürftig eingerichteten Behelfslagern. Als „Rucksäcke“, „Russen“ oder „keine echten Deutschen“ verschrien, durch Krieg, Vertreibung und Gewalt traumatisiert, hatten die Flüchtlinge keinen einfachen Beginn in ihrer neuen Heimat, ohne Hoffnung auf Rückkehr und nur mit dem Nötigsten geflohen.

Sobald der öffentliche Schulunterricht – anfangs unter dem Protektorat der Siegermächte mit zensierten oder neu aufgelegten Schulbüchern – 1945 wieder aufgenommen wurde, kehrte zumindest für die Kinder wieder Ordnung ins Leben ein. Allerdings finden sich in damaligen Schulbüchern kaum Aufarbeitungsversuche zum Thema Flucht und Vertreibung. Vielmehr kehrte man zu bekannten Geschichtsthemen wie Flucht der Juden aus Ägypten, Völkerwanderung, Einfall der Hunnen oder Vertreibung der Hugenotten zurück. Erst Ende der 1940er/Anfang der 50er Jahre findet man Aufsätze, Bilder und Beiträge zu Fluchtbewegungen und Vertreibungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg im Unterricht.

Einträge in Schülerbögen der Nachkriegszeit wie „Flüchtlingskind“, „ängstlich und nervös“ oder „Durch die Flucht aus ihrer Heimat und die Umquartierungen war sie etwas zurückgeblieben in ihren Leistungen“ weisen auf die seelischen Verletzungen der Kinder und die daraus resultierenden Schwierigkeiten in der Schule hin.

„Bilder von Fremden“

Jahre später kam 2005 die Studie „Bilder von Fremden“, bei der damals aktuelle hessische und bayerische Schulbücher analysiert wurden, zu folgendem Ergebnis: „Bei der Darstellung von Einwanderern wird häufig ihre Andersartigkeit und Fremdheit betont – sei es bei der „Nation“, „Kultur“, „Religion“, ihrer Haltung zur „Modernität“ oder gar ihrem Aussehen.“

Die Universität Hannover hat in der Studie „Repräsentation der Migrationsgesellschaft“ ähnliche Mängel in Schulbüchern des niedersächsischen Lehrplans festgestellt, wo in einem Erdkundebuch hinsichtlich der Türkei nur Berufsgruppen wie „Basarhändler/-innen“ und „Feldarbeiter/-innen“ aufgeführt werden. „Solche Lücken beziehungsweise Verzerrungen in Schulbüchern werden der Tatsache, dass Deutschland mittlerweile ein Einwanderungsland ist, natürlich in keiner Weise gerecht“, betonen die Museumsverantwortlichen.

So dürfe sich der Ausstellungsbesucher nicht wundern, dass kaum aktuelles Unterrichtsmaterial zum Thema „Flucht/Flüchtlinge“ gezeigt wird, obwohl Lehrer sicherlich die Problematik im Unterricht behandeln, dabei „jedoch noch wenig Unterstützung durch Lehrplan und Lehrmaterialien erhalten“.