Kreuzwertheim

Schulmuseum Lohr Sonderausstellung zum Thema „Erziehung zum Europäer“ ist zum ersten Mal zu sehen

Viele Klischees wurden munter bedient

Archivartikel

Lohr.Auf dem Weg zur Europäischen Union wurden Klischees verfestigt und vor allem zu Zeiten des Kalten Krieges Feindbilder erschaffen. Das Lohrer Schulmuseum zeigt hierzu eine neue Ausstellung.

Die europäische Geschichte ist geprägt von Jahrhunderten der kriegerischen Auseinandersetzungen und dem ständigen Kampf der Nationen um die Vormachtstellung in Europa. Kein Kontinent wurde von so vielen und so blutigen Kriegen überzogen.

Nach den zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass die Staaten Europas eine Gemeinschaft bilden sollten, um derartige Katastrophen zu verhindern. In Bayern wurde dazu 1951 eine Medienkiste mit dem Titel „Die Europa-Unterrichtsstunde“ an den Schulen in Umlauf gebracht, die anhand von vier Schaukästen und zwölf Wandkarten noch sehr unbeholfen, aber kindgerecht die Notwendigkeit der übernationalen Zusammenarbeit zu erklären versuchte sowie für Toleranz und Verständnis für die nationalen Eigenheiten jedes Volks warb.

Ironischerweise griff man dabei die Klischees von den verschiedenen Nationen auf und verfestigt sie. So wurde etwa der Franzose als träger, zigarettenrauchender Baskenmützenträger im Gegensatz zum kahlköpfigen fleißigen deutschen Wissenschaftler dargestellt.

Als Vorbild eines geeinten Europa wurden die Vereinigten Staaten von Amerika auf verschiedenen Tafeln dargestellt. In den Begleittexten heißt es: „Die USA sind zwar nicht ein Erdteil wie Europa, sondern der Teil eines Erdteils, aber sie sind ein riesiges Land mit vielen Staaten, viel mehr als Europa. Dazu kommt, dass in Amerika weit mehr verschiedenartige Menschen leben als in Europa. In Europa sind lauter Europäer, lauter Weiße – in Amerika aber gibt es neben den Weißen, die aus Europa eingewandert sind, auch noch Menschen anderer Rassen. Trotzdem leben alle Staaten und alle Menschen friedlich zusammen, sie führen schon lange keine Kriege mehr untereinander.Weil die amerikanischen Staaten zusammenhalten, leben sie in Frieden und Freiheit, und darum sind sie auch reich und mächtig. (Ein amerikanischer Arbeiter kann sich um den Lohn, den er für 3 Arbeitstage bekommt, einen neuen Anzug kaufen; ein europäischer Arbeiter muß aber ungefähr 3 Wochen arbeiten, bis das Geld für einen Anzug ausreicht.)“

Wichtig für den damaligen Unterricht waren Schulwandbilder und Wandzeitungen. Das Lohrer Schulmuseum verfügt über einen umfangreichen Bestand aus der Zeit von etwa 1870 bis 1980, darunter auch solche mit Bezug zum Thema „Europa“.

Sie zeigen auf der einen Seite, wie die schulische Erziehung an der Erzeugung und Tradierung von Feindbildern mitwirkte, auf der anderen Seite die Versuche, nach dem Zweiten Weltkrieg entsprechende Vorurteile durch eine gezielte Europaerziehung zu bewältigen oder wenigstens innerhalb der europäischen Völker abzubauen und ein gemeinsames Europa zu schaffen.

Aufbruchstimmung

Es werden die Anfänge der EU in Form der Montanunion, des gemeinsamen Marktes, der Währung und Energiepolitik dargestellt. Bemerkenswert sind die in den Bildern enthaltene Aufbruchstimmung und der unerschütterliche Glaube an eine goldene, gemeinsame Zukunft. Freiheit, Frieden, Wohlstand und Arbeit für alle sollten durch die Gemeinschaft gesichert werden. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob und inwieweit sich die damaligen Vorstellungen heute erfüllt haben.

So nannte man damals die beabsichtigte gemeinsame Währung Europino, ging in seinen Zielvorstellungen von den „Vereinigten Staaten von Europa“ in Anlehnung an den großen Bruder USA aus und sah in der Atomenergie die wirtschaftliche Rettung und Sicherung Europas gegen die Ölabhängigkeit. Interessant war auch die deutsche Zielsetzung des Gemeinsamen Marktes.

Einige Wandbilder verdeutlichen aber auch die europäische Fremdenangst und -feindlichkeit. Besonders die Furcht vor den asiatischen Völkern und den Kräften des Islam fand in Schulwandbildern immer wieder ihren Ausdruck.

An den Darstellungen des Hunneneinfalls aus den Jahren 1930 und 1957 zeigt sich, dass das Schüren von Xenophobie und Chauvinismus nicht nur typisch für die NS-Schulpolitik war. So stellt das Wandbild von 1930 die Hunnen als „Teufel in menschenähnlicher Gestalt“ dar und schildert detailgetreu ihre Greueltaten.

Die Darstellung von 1957 verzichtet zwar auf diese Deutlichkeit, bemerkt aber im Bildkommentar: „Mongolenregimenter im deutschen Osten zeigen am deutlichsten die ungeheuere Gefahr, von der das Abendland auch heute wieder bedroht ist. Starke Elemente der bolschewistischen Herrschaft in Rußland sind mongolisch bzw. asiatisch. Die Anschauungstafel ,Hunneneinfall’ möge symbolisch dafür sein, was ganz Europa droht, wenn seine Völker nicht wie einst zusammenstehen und die Flut der asiatischen Völker abzuwehren bereit sind.“ Auf diese Weise wurde die Furcht vor allem Fremden geschickt mit der Bolschewistenangst verknüpft.

Bemerkenswert ist, dass insgesamt in den Schulwandbildern dieser Zeit ökonomische und politische Themen im Vordergrund standen, soziale und kulturelle Bereiche sowie national-emotionale Egoismen aber kaum thematisiert wurden und somit eine umfassende Europaerziehung in den Schulen unterblieb.

Paneuropäische Idee

Moderne Geschichts- und Fremdsprachenlehrbücher, die Darstellung des Englisch- und Französischunterrichts bereits in den Grundschulen sowie Zeitschriften und Spiele europafreundlichen Inhalts verdeutlichen den Wandel von der nationalen zur paneuropäischen Idee in der Pädagogik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.