Kreuzwertheim

Gefiederte Mitbewohner Das Ehepaar Marie-Luise und Karl-Heinz Hoppe hat verlassene Kohlmeisen-Küken aufgezogen

„Vogel-Eltern“ auf Grashüpfer-Fang

Schlaflose Nächte, weil das Baby Hunger hat: Das ist für die Hoppes eigentlich kein Thema mehr. Aber für vier Kohlmeisen-Küken sind sie nochmals in die Rolle frischgebackener Eltern geschlüpft.

Kreuzwertheim. Möglichkeiten zum Brüten haben Vögel im Garten von Marie-Luise und Karl-Heinz Hoppe am Kreuzwertheimer Mainufer mehrere. Denn das Ehepaar hat auf seinem Grundstück an verschiedenen Stellen Nistkästen aufgehängt. Dann, vor zwei Jahren, bekamen sie einen weiteren geschenkt. Das war eine „Luxus-Variante“, beschreiben die Hoppes das gute Stück augenzwinkernd. Das Häuschen wurde zur Dekoration am Balkongeländer aufgehängt. Dass ein Vogel sich darin sein Nest einrichten könnte, daran glaubte das Paar nicht. Schließlich „wird der Balkon immer rege genutzt“, erklärt Marie-Luise Hoppe die Lage.

Doch offensichtlich war der weiß-blaue Nistkasten genau das Richtige für eine Kohlmeisen-Mutter. Zunächst unbemerkt von den Hausbesitzern zog sie ein und brütete. Alles nahm seinen natürlichen Lauf – bis Anfang Juni. „Plötzlich hörten wir Gepiepse“, erinnern sich die Eheleute an den Samstagmorgen. Somit wussten sie: „Die Küken sind geschlüpft.“ Doch: „Es kam niemand mehr. Und das Piepsen wurde leiser und immer kläglicher. Da haben wir gemerkt, wir müssen etwas tun.“

Als die Tierfreunde einen Blick in das Vogelhäuschen warfen, schauten sie direkt in vier weit aufgerissene Schnäbelchen. „Und ich hatte nichts für sie zum Futtern“, beschreibt Marie-Luise Hoppe das damalige Dilemma. „Da kamen die mütterlichen Ur-Instinkte durch“, neckt Karl-Heinz Hoppe liebevoll seine Frau. Doch genau wie sie war er sofort von dem Familienzuwachs angetan. Der hielt das Ehepaar die nächsten vier Wochen lang in Atem. Marie-Luise Hoppe: „Einen halben Tag einmal einfach wegbleiben, das ging gar nicht.“

Körnerkissen als „Bettflasche“

Doch der Reihe nach: Mangels Nest wurden die Küken in eine mit einer Kuscheldecke und Servietten ausgepolsterte Rührschüssel gesetzt. Und damit es den Kleinen nicht kalt wurde, bekamen sie auch noch eine „Bettflasche“ in Form eines Körnerkissens. „Bei uns ist den ganzen Tag über der Backofen gelaufen“, soe die „Vogel-Mutter“. Schließlich musste die Unterlage immer wieder aufgewärmt werden.

Dann galt es, das richtige Futter für die Küken zu finden. Marie-Luise Hoppe erinnerte sich daran, wie ihre Mütter früher Eintagsküken aufgezogen hat. Also mischte sie gekochtes Eigelb und Zucchini mit Wasser. Mit dem Brei musste sie zuerst alle 20 Minuten die Schnäbel ihrer hungrigen Schützlinge stopfen. Entsprechend froh war sie abends, als „punkt neun Uhr meine Kinder durchgeschlafen“ haben. Doch als sie am nächsten Morgen in die Küche kam, „haben sie energisch ihr Frühstück eingefordert“, blickt sie auf die schöne, aber auch anstrengende Zeit zurück.

Nach dem Wochenende und Rücksprache mit einer Vogelaufzuchtstation kauften die Hoppes Mehlwürmer, Heimchen und Maden ein. Letztere „panierten“ sie mit Insektenmehl, ehe diese in den Küken-Mägen landeten. Denn die kleinen Kohlmeisen sollten artgerecht gefüttert werden. Deshalb schritten die „Vogel-Eltern“ auch selbst zur Tat und gingen in der Umgebung von Kreuzwertheim erfolgreich zwei Mal täglich auf die Jagd nach Grashüpfern.

Fleißig unterstützt wurden sie dabei von Sohn und Schwiegertochter sowie „ganz besonders von meiner Freundin Ulla“, ist Marie-Luise Hoppe voll des Lobes. Dass mancher Passant sie beim Grashüpfer-Fangen etwas komisch beäugt habe, gibt Karl-Heinz Hoppe lachend zu.

Doch für die Vogel-Ersatzeltern gab es auch einen sehr traurigen Moment: „Zwei Küken haben es nicht geschafft“, erzählen sie.

Doch deren beiden Geschwister entwickelten sich gut. Sie brauchten mehr Platz, weshalb sie zunächst in einen Weidenkorb, später in einen großen Karton mit Ausguck umgesetzt wurden. Letzteren stellten die Hoppes auf den Balkon, damit die kleinen Bewohner sich an die Geräusche ihrer Umwelt und an den Wind gewöhnen konnten.

Den Größeren der beiden hat das offensichtlich motiviert. Immer wieder probierte er im Karton die Kraft seiner Flügel aus. Und als der Deckel seiner Unterkunft wieder einmal offen stand, flog er schnurstracks heraus auf den Baum in Nachbars Garten – und ward nicht mehr gesehen.

Sein Geschwisterchen hat noch zehn weitere Tage das „Hotel Hoppe“ genossen. Erst als der Piepmatz selbstständig picken konnte, zog es auch ihn hinaus in die Natur. Doch er benötigte etwas Starthilfe und die Hand von Marie-Luise Hoppe als Startplatz. Nach einer kurzen Flugrunde machte er nochmals auf ihrer Schulter Halt, ehe er entschwand.

Rückkehrer?

Die Hoppes haben aber das Gefühl, dass der Kleine seine „Zieh-Eltern“ noch nicht ganz vergessen hat. Denn es gibt eine Kohlmeise, die im Gegensatz zu ihren auf dem Geländer sitzenden Artgenossen nicht davonfliegt, wenn jemand den Balkon betritt. Und er „hört zu“, wenn Marie-Luise Hoppe mit ihm spricht. Darüber ist sie froh. Mit Blick auf die Zeit mit „ihren“ Vogel-Kindern beteuert sie: „Da ich die Hoffnung habe, dass sie überlebt haben, hat sich alles gelohnt.“