Külsheim

Pater-Alois-Grimm-Schule Ein Abend zum Thema Inklusion mit der Autorin Julia Latscha fand im Amphitheater statt

Die Gesellschaft behindert „Behinderte“

Archivartikel

Die Autorin Julia Latscha, deren Buch „Lauthalsleben“ und ein Gespräch mit Anja Boccagno, Konrektorin der Pater-Alois-Grimm-Schule, standen im Zentrum eines Abends zum Thema Inklusion.

Külsheim. Die Veranstaltung war bei sommerlichem Wetter im Amphitheater der Schule, wo auch eine inklusive Hip-Hop-Gruppe und die Schulrockband „Rat-6-PAGs“ auftraten. Die Gebärdendolmetscherin Laura M. Schwengler begleitete alle sprachlichen Elemente des Abends.

Rektor Udo Müller sagte bei der Begrüßung, Inklusion sei in Külsheim seit Jahren ein wichtiges The-ma. Eine Gruppe in der Gesellschaft werde an den Rand gedrängt, dies dürfe und dies könne nicht sein. Aufgabe der Gesellschaft sei es , sich hier zu öffnen, um gemeinsam voran zu kommen.

Boccagno stellte Latscha vor und meinte, das Buch sei voller Emotion, Herz, Gefühl. Ein solches Buch könne man nicht weglegen, so viel stecke drin. Das Buch handelt von der 14-jährigen Lotte, die mental behindert und kognitiv eingeschränkt ist. Deren Mutter, die Autorin, schildert den Alltag zwischen Verzweiflung und Traurigkeit auf der einen Seite und besonderen Momenten bis hin zur Glückseligkeit auf der anderen Seite. Die Autorin habe ihre Seele ausgebreitet, so Boccagno.

Latscha erläuterte, das Buch sei zustande gekommen auf Grund der großen Resonanz auf die veröffentlichte Beschreibung darüber, wie sie mit ihrem Kind im Rollstuhl durch die Mongolei gereist sei. Sie las am Mittwochabend aus ihrem Buch verschiedene Episoden. Dabei geht sie auf das Verhalten ihrer Tochter ebenso erschöpfend ein wie auf ihre eigene Gedankenwelt sowie die unterschiedlichen Reaktionen der Gesellschaft auf die vermeintlich besondere Situation.

Eine Geschichte spielt am Bahnsteig der Berliner U-Bahn, als eine ungewohnte Situation entstanden ist, weil Aufzüge kaputt sind und Latscha deshalb um Hilfe nachfragt. Dabei stellt sie sich die Frage, ob es denn wirklich ein Notfall sei, am Leben teilhaben zu wollen. Eine andere Geschichte spielt sich in einer Pizzeria ab. Die Autorin beleuchtet die Reaktionen der Menschen, die so vielfältig seien wie die Menschen selbst.

Latscha unterstreicht, ihr Projekt sei das Kämpfen um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dabei gelte es, den Wahrnehmungsapparat immer wieder neu einzustellen auf die tollen Dinge. Die Autorin betont, sie habe realisiert, was im Gesundheitssystem nicht funktioniere, spricht von viel bürokratischen Blödsinn, davon, dass die Behinderung ihrer Tochter eine Folge eines ärztlichen Fehlverhaltens ist. Sie sei wütend, weil niemand dafür Verantwortung übernehme und sie oft zu einer Bittstellerhaltung gedrängt sei.

Die Autorin erzählt auf verschiedenen Ebenen, vermag die verschiedenen Gedankenstränge sehr gut miteinander zu verweben. Die Struktur des Buches beinhaltet Gedankenstränge, welche die Geschichte weiter bringen, und solche, welche die Reaktionen innerhalb der Gesellschaft näher betrachten. Latscha schildert gleichermaßen kraftvoll wie empfindsam, nutzt die Kraft der Sprache mit besonderer Intensität. Sie liest sehr behutsam über die Geschehnisse des Alltags, gibt mit großer Offenheit auch intime Situationen wieder. Das Publikum hört gebannt zu, jeder Einzelne ist auf individuelle Art ein Stück weit berührt.

Im Zwiegespräch mit der Konrektorin stellt die Autorin heraus, ein Wandel in der Gesellschaft könne nur entstehen, wenn man offen miteinander umgehe und die Wahrhaftigkeit als wichtig ansehe. Zur Frage, was Normalität sei, meint sie „es gibt keine Normalität, sondern Realität“. Latscha sagt: „Meine Tochter ist nicht behindert, die Gesellschaft behindert sie.“

Eine weitere Episode erzählt, wie die Mutter mitbekommt, dass ihre Tochter Lotte Lesen, Rechnen und Schreiben kann. „Sie hat es im Unterricht einfach mitbekommen“. Lotte versprühe Wörter wie eine Wunderkerze, kommuniziert per Eintippen von Wörtern und Sätzen. Die Autorin betont, sie wünsche sich seit langem schon einen Gedankenaustausch mit ihrer Tochter, sagt, Lotte habe Kompetenzen, die sie nicht nutze, kommentiert dies mit „Lotte ist Lotte“.

Latscha hofft, dass irgendwann ein Buch ihrer Tochter erscheint mit dem Titel „Mein Leben mit meiner Mutter“. Lotte lebt seit sechs Wochen in einer Wohngruppe, momentan sei man in der Phase des Abnabelungsprozesses, so Latscha, „Wir leben jetzt andere Momente.“

Nach Lesung und Zwiegespräch folgte eine offene Diskussion. Joachim Uihlein, vormaliger Rektor der Schule, berichtete aus der Anfangszeit der Bemühungen der Schule hin zur Inklusion. Es sei ein steiniger Weg gewesen, habe dennoch geklappt. Rektor Udo Müller bekräftigte abschließend: „Wir werden immer wieder um jedes Kind kämpfen, auch um jede Ressource“. Denn „die Vielfalt macht die Gemeinschaft aus“. hpw