Külsheim

Vortrag Pfarrerin Heike Dinse sprach im evangelischen Gemeindezentrum über "Frauen der Reformation"

Wichtige Funktionen bei der Verbreitung der neuen Lehre übernommen

Külsheim.Der Vortrag "Frauen der Reformation" im Evangelischen Gemeindezentrum ging auf einen der vielen Aspekte ein, welche im Jubiläumsjahr besonders beleuchtet werden. Pfarrerin Heike Dinse beschrieb die Situation von Frauen im 16. Jahrhundert, stellte zwei besondere Frauen heraus und sprach an, worum heute es bei Reformation gehen könne.

Heike Dinse informierte zuerst über die Situation der Frauen im 16. Jahrhundert, diese seien auch in der Reformation meist im Schatten der Männer geblieben. Insgesamt sei die Quellenlage über Frauen dieser Zeit dünn, meist werde über oder an die Frauen geschrieben. Martin Luther sei kein Feminist gewesen, sei auch nicht für das gestanden, was seit dem 20. Jahrhundert Gleichberechtigung genannt werde.

Zwar halte Luther, so die Pfarrerin, am Geschlechterunterschied fest, entscheidend für das neue Ansehen der Frauen seien dessen Kommentare wie "Gott habe Mann und Frau geschaffen". Vor Martin Luther sei auch dieser Satz überliefert: "Wen kein Mann predigt, so wäre es nötig, dass die Frauen predigen." Dennoch seien Frauen nach Luther nicht dem Manne gleichgestellt. Sein Frauenbild sei ambivalent gewesen, gebe es doch auch Aussagen wie jene, dass Frauen in Glaubensdingen eifriger seien als Männer und fester glaubten.

Weil Frauen über ihren Glauben entscheiden sollten, sei es für Luther selbstverständlich gewesen, dass diese eine Schule besuchen, sagte Dinse. In der historischen Forschung jedoch sei die Rolle der Frauen und ihre Bedeutung in der Reformation heruntergespielt worden. Die Referentin zeigte an Hand von diversen Beispielen auf, wie sich Frauen als Flugschriftautorinnen hervortaten, im Sinne des neuen reformatorischen Denkens argumentierten, Katechismen schrieben oder als Fürstinnen und Herzoginnen eine maßgebliche Rolle bei der Einführung der Reformation in ihren Territorien spielten. Reformatorische Ideen konnten auch über die religiöse mütterliche Erziehung weiter getragen werden.

Die Vortragende betonte, durch die Reformation sei ein neues Frauenideal geschaffen worden. Die Frau verantworte nun die christliche Führung des Haushaltes, die Hausmutter stehe ebenso im Blickpunkt der Öffentlichkeit wie ihr Mann. So sei Katharina von Bora, die Frau von Martin Luther, einem Haushalt von bis zu 40 Personen vorgestanden, sie war nach heutigem Sprachgebrauch Managerin eines kleinen Unternehmens und habe die Arbeit ihres Mannes finanziert.

Die Reformation wäre nie möglich gewesen ohne Mithilfe der Frauen, unterstrich Dinse. Der neue Glaube habe nur deshalb eine nachhaltige Kraft und einen dauerhaften Erfolg gehabt, weil die reformatori-schen Überzeugungen in das alltägliche Leben umgesetzt worden seien.

Die Pfarrerin stellte zwei Frauen als besondere Beispiele vor. Sie beschrieb die Dichterin und Huma-nistin Olympia Fulvia Morata als eine der gelehrten Frauen, die auf Augenhöhe mit Reformatoren dis-kutierten, den Papst kritisierten und viel beachtete Vorlesungen hielten. Diese habe in ihrem Lebenslauf eine besondere Kampfhaltung gezeigt. Man habe ihr gar einen öffentlichen Lehrauftrag angeboten, der sie zu Beginn der 1550er Jahre zur ersten Universitätsdozentin Deutschlands gemacht hätte, was sie aber nicht mehr habe annehmen können.

Margarete Blarer wiederum habe zum einen die religiöse Spaltung in der eigenen Familie miterlebt, zum anderen das elterliche Kaufmannsgeschäft übernommen, zum dritten vielfältige karitative Tätigkeiten ausgeübt. Das habe sich gezeigt in der Gründung eines Armenvereins, der Versorgung von Glaubensflüchtlingen, Besuchen von Witwen und Waisen oder dem Unterricht mit armen Kindern. Ohne solche praktische Nächstenliebe wäre die Botschaft der Reformation wenig überzeu-gend geblieben.

Die Referentin machte abschließend einen Schwenk in die heutige Zeit, griff dazu Gedanken von Lutz Engelke auf. Kirche reformiere sich ständig, heute gehe es darum, Gott neu zu denken. Das Reformationsjubiläum solle Anlass sein zu fragen, wie spricht die Kirche über Gott und wie kann die Sprache Gottes die Menschen im 21. Jahrhundert erreichen. Welche Formate und Sprache, welche Symbole und Rituale sollten die richtigen sein, eine solche Aufgabe zu bewältigen. Wie neu und anders müsse dies sein. Es solle um die Gegenwart und Zukunft der Gottesfrage gehen in einer globalen und vielfach gebrochenen Weltmoderne.

2017 sei eine großartige Chance für einen geistigen, theologischen und symbolischen Gesamtdiskurs, der die ganze Gesellschaft erreiche. Politisch formuliert heiße es, zu fragen ob es zu schaffen sei, die Kluft zwischen Zivilgesellschaft und Kirche zu überwinden.

Gefragt werde, wie die Kirche eine tragende Säule der Gesellschaft bleiben oder für viele auch werden könne, wie Gott die Menschen heute erreichen könne. hpw