Landwirtschaft und Natur

Biogasanlagen In der gesamten Bundesrepublik gibt es derzeit ungefähr 10 000 / 225 Aussteller bei der Messe „Biogas Convention & Trade Fair“ in Nürnberg

Ganze Branche erlebt derzeit einen vollkommenen Wandel

Die Kuppeln von ungefähr 10 000 Biogasanlagen sind in Deutschland aus der Luft zu erkennen. Die Branche erlebt jetzt einen vollkommenen Wandel. Nur noch 200 reine und kleine Gülleanlagen bis 75 Kw werden jährlich gebaut. Dazu kommen nur noch ungefähr 20 spezialisierte Neuanlagen, die Abfall verwerten oder Gas einspeisen.

Durch die gesenkte Einspeisevergütung für Biogasstrom ist die Entwicklung gestoppt. Die Betreiber von bestehenden Anlagen investieren jedoch und machen sich Gedanken um Flexibilisierung und Effizienzsteigerung. Weitere Vermarktungswege neben der Stromerzeugung wie Kraftstoff, Wärme und Gärprodukte werden beschritten.

Die erstmals auf der Messe in Nürnberg stattfindende „Biogas Convention & Trade Fair“ mit 225 Ausstellern war deshalb kein befürchteter Abgesang auf die Biogaserzeugung. Allerdings war der Besucherstrom im Vergleich zu den Boomjahren vor einer Dekade recht dünn.

Gute Möglichkeiten bietet das internationale Umfeld, das mit einem umfangreichen englischsprachigen Programm bedient wurde.

Chancen ergeben sich im Bereich der Abfallentsorgung und der Verwertung bisher wenig genutzter Substrate wie Stroh, Bagasse von Zuckerrohr und Zuckerhirse und Reststoffen der Lebensmittelindustrie. Tillmann Zeller sprach auf der Messe mit zwei Betreibern von landwirtschaftlichen Biogasanlagen aus Baden-Württemberg, die sich mit Ausstellern austauschten.

Anton Stolzenberger betreibt seit 1993 in Großrinderfeld-Hof Baiertal (Main-Tauber-Kreis) eine Biogasanlage. Aus zunächst 20 Kw wurden 1997 200 Kw, jetzt ist die Anlage auf 300 Kw Regelbetrieb ausgelegt. In den ersten Betriebsjahren wurden Reststoffe wie alte Fette und Schlachtabfälle umweltfreundlich in elektrische Energie umgewandelt. Aber dann kamen BSE-Krise, Vogelgrippe und immer mehr Vorschriften und Einschränkungen, unter anderem auch wegen des Wasserschutzgebietes. Damit wurde das Ende der weiteren Reststoffverwertung ausgelöst.

Wegen der Vogelgrippe durften die Gaststätten keine Speiseabfälle liefern und wegen BSE durfte kein Fett mehr zur Biogaserzeugung eingesetzt werden. Deshalb wurde die Anlage auf Nawaro (nachwachsende Rohstoffe) umgestellt. Die einst eingesetzten Altfette hatten den ackerbaulichen Vorteil, wenig Stickstoff, aber viel Phosphor zu liefern.

Die Gülle aus dem eigenen Schweinestall mit 680 Mastplätzen und Rindermist, Hühnerkot, Ausputzgetreide, Ganzpflanzensilage und Maissilage füttern heute die Anlage. In Zukunft wird der Strom flexibel erzeugt. Das heißt, konstant werden 200 Kw ans Netz geliefert und weitere 100 Kw, wenn Bedarfsspitzen entstehen.

Die Flexibilisierung ist eine kleine Möglichkeit, um auf die deutlich verringerte Einspeisevergütung, früher 20 Cents, jetzt 14 Cents, reagieren zu können. Die Vergärung von Mist und Gülle bewirkt eine klimarelevante CO2- Einsparung und bringt weitere Vorteile für die Landwirtschaft und die Umwelt wie zum Beispiel Ammonifizierung, Unkrautsamenvernichtung, Vereinheitlichung der Düngeeigenschaften, Verminderung der Methanemission und eine Geruchsminderung. „Die Biogasproduktion ist nicht familienfreundlich, weil man ständig abrufbereit sein muss“, bedauert der erfahrene Landwirt.

Christian Kaufmann aus Waibstadt (Rhein-Neckar-Kreis) beschickt die Biogasanlage, die 1995 installiert wurde, mit Schweinegülle, Mist von Kollegen, Stroh, Ackerpflanzen und Speiseresten. Die Anlage mit jetzt 500 Kw hatte anfangs nur 65 Kw. Heute erzeugt sie nicht nur elektrische Energie, sondern versorgt noch eine Schule und ein Schwimmbad mit Wärme. Die Gülle stammt aus dem Maststall mit 660 Schweinen.

Der Landwirtschaftsmeister und Absolvent der Fachschule in Kupferzell besuchte die „Biogas Convention und Trade Fair“, um sich angesichts der großen Herausforderungen und der sich ständig ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen kompetent zu informieren. „Vor allem aus Umweltaspekten sind alle Fähigkeiten gefordert, man kann immer etwas optimieren“, betont der Landwirt. „Den Fahrplan der Direktvermarktung meines erzeugten Stromes möchte ich weiter optimieren“ – so ein weiterer Beweggrund.

Auf der Messe wurden auch die Auswirkungen durch das EEG 2017 diskutiert.

Entgegen den Gesetzeszielen wird in den Veredlungsregionen der Gülleeinsatz sinken und werden sich gülledominierte Anlagen nicht um eine zweite Förderperiode bewerben können, weil sich die Investitionen nicht lohnen.

Wenn diese Anlagen abschalten, sind auch die Zeiten mit geruchsreduzierter Gülle auf dem Lande vorbei. Diese unerwünschte Entwicklung ließe sich abwenden, wenn man den Stellvertreterparameter Restgaspotenzial auch im EEG 2017 zulassen und die EEG-Umlage für Eigenstrom streichen würde. Dann hätte die Güllevergärung wieder eine Chance in der zweiten Förderperiode.