Landwirtschaft und Natur

„Virtueller Stall der Zukunft“ Mit Unterstützung von Baukastensystemen können Landwirte tätig werden

Wie lassen sich moderne Tierwohl-Ställe umsetzen?

Was Tieren guttut, gesellschaftlichen Anforderungen entspricht und für Landwirte machbar ist: Das vereint der „Virtuelle Stall der Zukunft“. Mit den Entwicklungen aus dem Innovationsprojekt der Uni Göttingen und ihrer Projektpartner können Bauern künftig per Baukastensystem ihren modernen Stall planen und dafür betriebsindividuell Kosten kalkulieren. Mehr Platz, Zugang zu Außenklima, organisches Beschäftigungsmaterial, Duschen und Wühlmöglichkeiten sind vorgesehen.

In einem einjährigen Projekt haben sich Wissenschaftler, Landwirte, Agrarökonomen und Bürger Gedanken für alle Produktionsstufen der Schweinehaltung gemacht. Mit den Ideen können die Betriebe an der Stufe zwei des staatlichen Tierwohllabels teilnehmen. Dazu gibt es ein kostenfreies Excel-Tool zur betriebsindividuellen Kostenberechnung.

Bundesministerin Julia Klöckner betont: „Die Arbeit von Landwirten wird in der Gesellschaft immer intensiver begleitet und diskutiert – auch die Bedingungen in Ställen und welche Auswirkung Tierhaltung auf Wasser, Boden und Klima hat. Wer mit Nutztierhaltern spricht, der merkt, dass sie sensibel mit diesem Thema umgehen. Denn wenn wir in Deutschland Nutztierhaltung auch künftig erfolgreich betreiben möchten, braucht sie breite gesellschaftliche Zustimmung und muss gleichzeitig ökonomisch gut aufgestellt sein.“ Der Wunsch nach mehr Tierwohl steht bei allen Konzepten im Fokus. „Alle Ideen vereinen Tierwohlaspekte sowie gesellschaftliche Anforderungen und werden von Landwirten als technisch realisierbar bewertet“, so Dr. Marie von Meyer-Höfer, Koordinatorin des Verbundprojekts an der Uni Göttingen. Die Konzepte sind zunächst als Neubauvarianten geplant.

Kernergebnisse der Stallbaukonzepte sind: Mehr Platz und Bewegungsfreiheit für Sauen, Ferkel und Mastschweine; getrennte Funktionsbereiche; unbegrenztes Angebot von Raufutter, Stroheinstreu oder anderem organischen Beschäftigungsmaterial; Möglichkeiten zum Duschen und Wühlen für Mastschweine; Zugang zu einem Außenklimabereich für alle Tiere ab 30 Kilogramm Gewicht; Stallbau aus Holz, um Nachhaltigkeits- und Schönheitsaspekten gerecht zu werden.

Aufgrund der Vielfalt aktueller Haltungsverfahren für Schweine sowie der betrieblichen und regionalen Besonderheiten erarbeiteten die Projektbeteiligten für jede Produktionsstufe mehrere Varianten, darunter beispielsweise verschiedene Außenklimaställe für die Mast. Jeder Landwirt kann daraus das für seinen Betrieb passende Konzept auswählen, in einer Excel-Anwendung Kosten errechnen und auf dieser Basis die Umsetzung planen. „Das Excel-Tool und Beispielskizzen für die einzelnen Stallkonzepte stehen ab Sommer 2019 auf der Projektseite der Uni Göttingen zur Verfügung“, so von Meyer-Höfer.

„In der Summe aus Ferkelerzeugung, -aufzucht und Mast sind Mehrkosten in Höhe von über 30 Euro je verkauftem Mastschwein zu erwarten“, so Dr. Karl Heinz Tölle (ISN). Klar sein muss: „Mehr Tierwohl bedeutet höhere Kosten und lässt sich erst umsetzen, wenn genehmigungsrechtliche Hürden und Zielkonflikte gemeistert werden.“ Geht der Stallbau los, spielt auch die Verbraucherkommunikation eine Rolle. Eine projektbegleitende Verbraucherstudie der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf zeigt: Aufklärende und glaubwürdige Infos als Begleitung des Stallbaus beeinflussen die Verbraucherwahrnehmung. Ob Stallbegehungen oder Ideenwettbewerbe vor Ort: Transparenz ist gefragt.

„Das BMEL hat mit seiner Förderung für dieses Projekt gezeigt, welche Möglichkeiten für die Umsetzung von mehr Tierwohl gibt. Der Virtuelle Stall der Zukunft ist ein gutes Beispiel dafür, wie Forschungsförderung gesellschaftliche Forderungen aufgreift und schließlich zu konkreten Empfehlungen für die Betriebe führt“, so Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die das Vorhaben als Projektträger begleitet hat. Das Projekt zeigt darüber hinaus „Zukunftsvisionen“ auf, die der Stall von morgen bieten könnte: Sensoren zur Anzeige des Geburtsbeginns für eine punktgenaue und kurze Sauenfixierung sind nur ein Beispiel dafür, wo die Reise hingehen könnte.

Am „Virtuellen Stall der Zukunft“ beteiligt waren Georg-August-Uni Göttingen, Christian-Albrechts Uni Kiel, Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf, Richard Hölscher, Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN). ble